Beim Whiskykoch, der nicht mit Whisky kocht

Gepostet am Jun 20, 2011

Wer glaubt, dass ein Whiskykoch mit Whisky kocht, liegt falsch. Chris Pepper ist der Whiskykoch. In Darmstadt führen Marion und Chris ein Whisky-Fachgeschäft, das nicht nur sehr gut sortiert ist, gute Beratung und ein tolles Ambiente bietet, es wird auch noch gekocht. Chris schnuppert am Whisky und kocht dann, was er riecht. So einfach ist das – oder?

Am letzten Freitag gab es nicht nur Whisky mit passendem Menü, es gab auch noch die passenden Geschichten dazu. Ein Dreiklang sozusagen, einer der mir und scheinbar auch den Gästen viel Freude gemacht, ausgezeichnet gemundet und für einen gelungenen Abend gesorgt hat. 34 Dinnergäste waren angemeldet. Ausverkauftes Haus also. 6 Whiskys, ein Vier-Gänge-Menü und die Lesung aus Aqua Vitae waren angekündigt, Marion führte vortrefflich, mit vielen spannenden Details durch das Programm und den Abend, der bis kurz vor Mittagnacht dauerte. Also:

Mit dem Aperitif, einem 12-jährigen Springbank, begann das Aromen-Abenteuer, das – Aperitif eben – noch ohne Story und Speise auskommen musste. Hier Chris’ Verkostungsnotizen:

Nose: etwas rauchig, Kohlerauch, Kohlestaub, ein Hauch grüner Bananen, etwas meeres’küstig’, etwas ‚schmutzig’ (Saxophon), appetitlich, eine leichte Schokonote, Holunderblüten
Taste: frisch, leichte Rauchigkeit, salzig, wieder appetitlich, etwas kantig
Finish: ziemlich trocken, schließt an den T an, verschwindet schneller als gedacht

Vorspeise: Zum Spargelsalat mit Melonen-Stachelbeer-Zitronen-Relish servierten die Gastgeber den Glenmorangie „Nectar D’Or”:

Nose: sanft, süßlich, Spargel, blumig, getreidig, Sommerwiese, fruchtig, sehr reife Honigmelone, recht zurückhaltend, elegant, irgendwo Weintraube, Victoria Sponge mit Biskuit/Sahne/Stachelbeeren
Taste: weinig, wieder blumig, süße Zitronen, etwas würzig, etwas orangig, wieder Getreidenoten, Weingummis (gelb)
Finish: gezuckerte Spargel, etwas kräutrig, wieder süße Zitronen, Stachelbeeren

Glauben Sie mir, dieses Spargelgericht und der Whisky – die Kombination mag sich gewagt anhören – ergänzten sich verblüffend gut.

Nicht nur wegen des Namens auch wegen des Jahres 1849, das in der Story genannt wird, las ich dazu “Goldenes Versprechen” von Fenna Williams – Glenmorangie ist die einzige Destillerie, die ihre Produktion 1849 begann. Es geht um eine Destillery-Besichtigung, die mit einem Tod beginnt und vielversprechend endet.

Suppe: Zum “Schnäppchen” von Olga Felicis – eine Englisch-Lehrerin bei ihrem ersten und wohl auch einzigen Blind-Date mit einem Schotten aus Bowmore – wurde ein ausgezeichneter Bowmore in der Signatory Abfüllung in Fassstärke ausgeschenkt.

Nose: Holzrauch, Hauch von Sherry, recht küsten’nah’, heißer Sand, salzig, fruchtig, gemälzte Gerste, Barleysugar (Bonbons), Bohnen mit Speck
Taste: leicht torfig, malzig, wieder eine leichte Küstennote, Bacon & Beans (weiße Bohnen), etwas salzig, recht ‚groß’ dabei jedoch auch sanft
Finish: malzig, BBQ-Rauch, Honig, etwas schokoladig, wieder Meeresküste

Und was wurde dem Gaumen dazu geboten? Vorschläge? Ich verrate es: Bohnen- und Bacon-Suppe mit Rotbarschfilet. Wie die Faust aufs Auge!

Hauptspeise: Ich las “Roots” von Peter Wobbe, eine Story über einen Unternehmesberater in einer winzige Destillery in den Highlands, und kostete einen Edradour „Caledonia“, 12 Jahre. By the way: Edradour ist eine Destillery, die sich bewusst entschieden hat, klein zu bleiben.

Nose: schwer, etwas Gummi – typisch Edradour, Sherry, würzig (Mixed Spice), nicht elegant aber charmant, Malt Loaf, dunkler brauner Zucker, Zuckermandeln, Löffelbiskuit, Nelkenblüten, alte Holzbox stark poliert, Backpflaumen in Kräutern gekocht
Taste: nussig, recht schwer, wieder Mixed Spice, Chili, süß, etwas fleischig (Geflügel), Kokosnuß, Haribo (licorice all sorts) – die braun-schwarz-Braunen
Finish: Bleibt bei Haribo b-s-b, kräutrige Backpflaumen kommen zurück sowie die Chilinoten

Hhm. Lecker! Der Whisky mit der Hauptgang: Es gab Hühnerbrüstchen gefüllt mit Backpflaumen und Liebstöckl auf Chili-Kokos-Sauce und Mandelreis.

Kommen wir zum Dessert. Ich las “Zwischen Himmel und Hölle” von Kai Riedemann, die Story einer Frau, die keinen Single Malt zum Dessert will – aus gutem Grund -, sondern Weiße Schokoladen-Limetten-Mousse auf Mangopüree vorzieht. Klar! Genau das zauberte uns Chris auf auf den Tisch. Dazu ein Whisky, der besser nicht hätte passen können, ein Bruichladdich, 12 Jahre, 2nd Edition, zusammen mit der Mousse eine Offenbarung:

Nose: malzig, fruchtig, weiche gelbe Frucht, cremig, Sommerblumen (besonders Rosen), nicht wirklich Islay, mineralisch, Süße
Taste: wieder blumig und fruchtig, Hauch von Fenchel, Birnen, ziemlich süß, cremig, nach einer Weile im Mund ein Wechsel zu Zitrus, etwas salzig, etwas säurig, wachsig, wieder malzig
Finish: und wieder malzig, Vanille, wieder blumig, fruchtig, Hauch von Fenchel

Jetzt fehlte noch der 6. Whisky. Ein Digestif mit Story und Keksen. Zum “Perfekten Augenblick” von Markus Niebios, die Story eines Piloten, der gerade mit seiner Chessna abgestürzt war, einen The Dalmore trinkt und auf den perfekten Augenblick hofft, tranken wir – ja was? – „Spiced Figs“, Dalmore, 18 Jahren … und es war perfekt.

Nose: warm, getrocknete Früchte, etwas grün / saftig, Kaffeenoten, Gewürze (Garam Marsala), nicht sehr süß, Hauch von Möbelpolitur, Bienenwachs, frische Feigen, geschälte Steckrüben
Taste: tee-ig, Rosinen, etwas kräutrig, Walnüsse, Rettich, wieder Curry-Gewürze
Finish: und auch hier Kuchengewürz (cake spice: mixed Zimt, Vanille, Nelken- und Nelkenblüten, Muskat, Koriander)

Es wurde gerochen, geschmeckt, gespannt zugehört, viel gelacht und auch nachgedacht, denn es galt, eigene Geschmacksnotizen zu definieren und aufs Papier zu bringen. Ein harmonischer Abend! Chris & Marion Peppers Whiskykoch “Projekt” ist ein Erlebnis, das ich sowohl Whisky-Anfänger als auch -Kennern ans Herz legen möchte. Versuchen Sie es doch einmal! Hier geht es zum Whisky-Koch. Und – wenn Sie die Geschichten dazu lesen möchten – hier geht es zum Buch.

Zum Schluß einige Bildimpressionen:

S&F Magazin | Karen Grol | 20.06.2011

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