Der goldene Drache oder wenn einem ohne Pausen das Lachen gefriert

Gepostet am Jan 15, 2012

Um es vorweg zu nehmen: Ich bin noch immer restlos begeistert und im Kopf schwirren noch immer Worte und Bilder der gestrigen Theateraufführung. Im Großen Haus des Theater Heilbronn wurde die Premiere von Der goldene Drache von Roland Schimmelpfennig gegeben.

“Kleine Pause”

Eine Woche zuvor haben wir beim Theaterfrühstück erfahren, dass es dem Zuschauer nicht leicht gemacht würde. Mitdenken sei gefordert, wenn die 5 Schauspieler auf der Bühne übergangslos von einer Rolle in die andere schlüpften und weder ein pompöses Bühnenbild noch zahlreiche Requisiten Hilfestellung gäben.

Was hilft sind Regieanweisungen. Die werden in der Inszenierung von Johanna Schall mitgesprochen. Es wimmelt also nur von kleinen Pausen, kurzen Pausen, langen Pausen.

Ah, jetzt ist DER KLEINE wieder DER MANN IM GESTREIFTEN HEMD.

“Der Mann im streiften Hemd, der sich das Bier über die Hose geschüttet hat, …”

Und die FRAU ÜBER SECHZIG ist plötzlich die AMEISE. Der ALTE MANN wird zur GRILLE und dann zur ZWEITEN FLUGBEGLEITERIN. Die FRAU IM ROTEN KLEID wird der BARBYFUCKER und die ERSTE FLUGBEGLEITERIN. Männer spielen Frauenfiguren, Frau spielen Männerfiguren und das alles ohne Pausen. Alte spiele Junge, Junge spielen Alte, Menschen spielen Tiere und Tiere … nein, Tiere spielen keine mit, aber sie spielen eine wichtige Rolle.

Überhaupt, es geht ums Spielen! Kinder schlüfen gerne in anderen Rollen. Eine imaginäre Waffe reicht und sie mutieren übergangslos zu einem ihrer Lieblingshelden. Bei Schimmelpfennig dürfen auch die Erwachsenen spielen, “um die Träume von Angst und Hoffnung vorzuführen einer Gesellschaft, die traumlos an ihrem Untergang arbeitet”, so ein Zitat des Schriftstellers Thomas Brasch.

Der ALTE MANN wünschte, er wäre wieder jung. Der MANN IM GESTREIFTEN HEMD wünschte, seine Frau hätte den anderen Mann nie kennengelernt. Die JUNGE FRAU wünschte, sie wäre nicht schwanger. Die ERSTE FLUGBEGLEITERIN wünschte, auch mal der BARBYFUCKER zu sein. Wünschen wir nicht alle mal, jemand anderer zu sein?

In atemberaubenden Tempo jagen 5 Schauspieler über die Bühne, wie tollkühne Akrobaten vollführen sie Kopfstände, Tänze, springen auf oder über die roten Kisten, die das Bühnenbild ausmachen. Langeweile kommt keine auf. Jedes zusätzliche Stück Requisite wäre überflüssig, gar störend, weil es ablenken würde vom Wesentlichen.

“Kurze Pause”

Etwas Wesentliches in dem Stück ist der schmerzende, kariöse Zahn im Mund des KLEINEN. Der KLEINE ist einer von fünf Asiaten, die in der winzigen Küche – so erklärt die Regieanweisungen – des Goldenen Drachen kochen. Eng aneinandergedrückt stehen sie vor den Kochtöpfen, es qualmt, es zischt und der KLEINE schreit. Kochtöpfe gibt es übrigens keine.

“Es tut weh, es tut so weh.”

“Sei leise, du musst leise sein”, flüstern die anderen.

Der KLEINE schreit und schreit und schreit. Die Schauspielerin Susan Ihlenfeld hat es gut. Sie darf sich die Seele aus dem Hals schreien, sie darf trinken, sich schlecht benehmen und dann zum Schluß noch viel Schlimmeres … Die Zuschauer haben es dabei erst gut und dann nicht mehr. Ihnen gefriert später das Lachen im Gesicht.

“Nummer 11: Thi Ban Schau gebratene Hummerkrabben, Schweine-, Hühner-, Entenfleisch und Gemüse mit Knoblauch-Tomaten-Sauce. SCHARF!”

Ohne Pausen werden Gerichte aufgesagt wie Gedichte und fast rieche ich das Curry, das Zitronengras, sehe den Reis in kleinen wohlgeformten Haufen auf dem Teller liegen oder gebratenen Nudeln, die mit knusprigen Stücken von der Ente dekoriert sind. Nein, es braucht keine Requisiten. Auch Gerichte lassen sich spielen. Meine Phantasie reicht vollkommen.

Der KLEINE schreit. Er hat einen kariösen Zahn. Er kann jedoch nicht zum Zahnarzt. Er ist illegal. Das ist die ganze einfache Geschichte, eine von vielen einfachen Geschichten, die erzählt werden von den Menschen, die über dem Goldenen Drachen leben: die vom betrogenen Ehemann, die der beiden Flugbegleiterinnen, die des alten Mannes und …

… und jetzt komme ich – ohne Pause – auf die Ameise und die Grille. Die Fabel von der Grille und der Ameise von Jean de la Fontaine dürfte hinlänglich bekannt sein. Die Grille, die den ganzen Sommer getanzt und gesungen hat, leidet im kalten Winter unter heftigen Hunger und bittet die Ameise, die den ganzen Sommer fleißig Vorräte angelegt hat, um Hilfe. Doch diese lebensnotwendige Hilfe wird ihr verweigert … es sei denn, man könnte sich auf eine Gegenleistung einigen.

Was soll diese Fabel hier mitten unter Männern, die Flugbegleiterinnen spielen, mit heruntergelassenen Hosen statt kurzen Röcken, die ihre Stimme klischeehaft verstellen und übertrieben die Beine übereinander schlagen. Was soll diese Fabel, während eine junge Frau einen MANN IM GESTREIFTEN HEMD spielt und sich betrunken und breitbeinig auf einem imaginären Sofa präsentiert, die Haare längst aufgelöst, die Krawatte auf dem Rücken, die Hose mit Bier bekleckert. Das Publikum lacht. Es lacht, je schneller die Szenen wechseln, je übertriebener die Rollen gespielt werden, je wilder sich die Figuren gebährden. Ausgezeichnet die Leistung der Schauspieler – ich möchte keinen einzelnen herausheben. Alle Klischees, die sich mir aufdrängen, werden bedient, die von den Blondinen und Brünetten, von Männern, die keine Kinder wollen, von Frau jedoch nicht genug kriegen können, von Ehepaaren, die sich betrügen, von Alten, die längst nicht(s) mehr können. Herr und Frau Jedermann wohnen über dem Goldenen Drachen.

Was soll also diese Fabel? Ich will eine Charakteristika der Fabel herausgreifen. Zitat aus Wikipedia: “Die Personifikation der Tiere dient dem Autor häufig als Schutz vor Bestrafung o. ä., denn er übt keine direkte Kritik, etwa an Zeitgenossen.”

“Kleine Pause.”

Und was tut Schimmelpfennig?

“Noch eine kleine Pause.”

Er löst die Fabel in der Geschichte auf. Die gespielten Tiere mutieren wieder zu gespielten Menschen. Schimmelpfennig zeigt mit dem Finger auf sie, hat keine Angst vor Bestrafung, zeigt auf uns, zeigt wie wir beständig und ohne Reue am Untergang arbeiten, an dem der Anderen, der Fremden, der Illegalen, aber auch an unserem eigenen. Die Geschichte vom kariösen Zahn und dem KLEINEN geht genauso wenig gut aus, wie die von der GRILLE. Eine höchst aktuelle Geschichte, eine die nie ihre Aktualität verliert. Und während Ameise und Grille Mensch werden, gefriert das Lachen in meinem Gesicht, fast tut es weh, dass ich lachen musste und noch immer muss. E gibt nichts (mehr) zu lachen, weil es Wirklichkeit ist und dann habe ich Mühe nicht loszuheulen. Jetzt verstehe ich, dass Johanna Schall beim Theaterfrühstück sagte, sie hätte in einigen Szenen weinen müssen.

Nicht nur mir scheint es so zu gehen. Der Applaus dauert lange, immer wieder müssen Schauspieler und Regisseurin auf die Bühne, doch das Klatschen klingt ernst und nachdenklich, es zollt Respekt und Anerkennung. Es ist gewiss nicht der überschwänglich glückliche Applaus nach einer Komödie.

“Lange Pause”

Vielen Dank Johanna Schall für diese mutige und eindrucksvolle Inszenierung, vielen Dank an Sebastian Weiss, Sabine Unger, Susan Ihlenfeld, Stefan Eichberg und Till Schmidt für die großartige schauspielerische Leistung, vielen Dank an das ganze Team vom Theater Heilbronn.

Karen Grol | S&F Magazin | 15.01.2012

2 Kommentare

  1. Danke. Auch im Namen der Schauspieler! Danke.

  2. Es soll auch hier noch einmal gesagt werden: Wir freuen uns sehr, dass dir die Inszenierung des „Goldenen Drachen“ gefallen und dich gleichzeitig zu einen Blogeintrag inspiriert hat. Wir haben ihn sofort verschlungen. Wie danken dir für deinen Artikel!

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