Drei Stühle und eine kretische Odyssee in zwei Teilen

Gepostet am Aug 30, 2013

“Die Odyssee (griechisch : ἡ Ὀδύσσεια – hē Odýsseia), neben der Ilias das zweite dem griechischen Dichter Homer zugeschriebene Epos, gehört zu den ältesten und einflussreichsten Dichtungen der abendländischen Literatur. In Schriftform wurde das Werk erstmals im 7. Jahrhundert v. Chr. festgehalten. Es schildert die Abenteuer des Königs Odysseus von Ithaka und seiner Gefährten auf der Heimkehr aus dem Trojanischen Krieg. In vielen Sprachen ist der Begriff „Odyssee“ zum Synonym für eine lange Irrfahrt geworden.” (Wikipedia)

So auch hier. Die “lange Irrfahrt” unserer Autorin Sigrid Wohlgemuth begann am 28. Februar 2013, als ihr Buch “Drei Stühle” erschien, wenn nicht gar eher. Die Idee, Lesungen auf Kreta, wo die Autorin seit einigen Jahren lebt und arbeitet, durchzuführen, treibt sie um. Lassen wir die Heldin selbst erzählen:
 
 
Holt uns hier raus
 
 
Februar 2013. Ich habe zahlreiche Anfragen für Lesungen auf Kreta rausgeschickt. Das nahegelegene Clubhotel hält im Umkreis nach Attraktionen für die Gäste Ausschau. Der griechische Hotelvermieter ist von der Idee, Kochkurse mit Lesungen anzubieten, begeistert, doch die Entscheidung kann er nicht treffen. Vom deutschen Management keine Rückmeldung. Auch von anderen Hotels nicht. Sollte es daran liegen, dass ich mich nicht persönlich vorgestellt habe?
 
Ich muss umdenken!
 
Ein Tavernenbesitzer in einem Fischerdorf ist sofort einverstanden, in seinem Restaurant Lesungen und ein passendes Menü aus “Drei Stühle” anzubieten. Perfekt! Ich bin glücklich.
 
Daraufhin bitte ich meinen Steuerberater um eine kurze Besprechung. Er weiß seit Monaten von meinem Vorhaben. Die Anzahl der Terminanfragen habe ich nicht gezählt. Nimmt er meine Arbeit nicht ernst? Was ist das schon, ein Buch zu schreiben, einen Verlag zu finden und es dann den Urlaubern vorzustellen? Dabei steckt darin viel Arbeit, Zeit und eine gehörige Portion Geduld, um sich von Verlagsabsagen nicht entmutigen zu lassen. Ein ganz normaler Job!
 
Soll ich den Steuerberater wechseln? Nein, er ist ein Freund und ich nehme die Menschen, so wie sie sind. Als Freundin muss ich halt etwas länger auf einen Termin warten.
 
Endlich erhalte ich seine Antwort mit drei Bedingungen:

- Lesungen nur in einem Ort unter 2000 Einwohner
- kein Honorar
- Buchverkaufsverbot

Die ersten beiden Punkte bin ich bereit zu erfüllen, doch was mache ich, wenn die Zuhörer Bücher erwerben möchten? Schicke ich die Herrschaften kurz um die Ecke in den deutschen Buchhandel? Entschuldigen Sie meinen Sarkasmus. Haben sich die Steuergesetze geändert? Nicht auszuschließen! Seitdem Griechenland in der Krise steckt, ist alles möglich.
 
Eine andere Lösung muss her. Ich melde ein Gewerbe an!

- Antrag beim Finanzamt stellen
- Eine Miniregistrierkasse bei mir führen, zum Ausstellen von Kassenbons

Ratsch, ratsch … ohne Quittung geht auf der Insel nichts mehr! In jedem Geschäft hängt folgende Mitteilung:

Wenn Sie keinen Kassenbon erhalten, brauchen Sie die Ware nicht zu bezahlen!

Ist dieser Aushang nicht vorhanden, droht 1500 Euro Strafe! So möchte der Staat das Schwarzgeld in den Griff bekommen und die Steuerkasse füllen. Also fragt jeder Käufer nach einem Kassenbon. Vielleicht können/müssen sie ihn bei der eigenen Steuererklärung einreichen? Auch die Quittung vom Café to Go? Ob es durch die Einreichung eine Steuerermäßigung gibt? Ich bin noch nicht dahinter gekommen.
 
Zurück zur Gewerbeanmeldung. Die entscheidenden Fragen: Welche Kosten kommen auf mich zu? Wird “Drei Stühle” auf Kreta genügend Leser finden, damit sich der Aufwand lohnt? Ich zweifle und suche nach einer weiteren Lösung.
 
Der Tavernenbesitzer kommt mir wieder in den Sinn. Sofort ist er damit einverstanden, bei den Lesungen auch die Bücher zu verkaufen. Doch auch er muss erst Rücksprache mit seinem Steuerberater halten.
 
Wenn Sie nun denken, das geht hier alles von jetzt auf gleich, dann rechnen Sie bitte einige Tage hinzu. Zum Glück sind die beiden – Steuerberater und Tavernenbesitzer – nicht befreundet. Ich will mich nicht beklagen, ich liebe die griechische Mentalität und das Leben auf der Insel. Sigar, sigar … langsam, langsam. Trotzdem scharre ich dieses Mal mit den Hufen. Die Saison hat bereits begonnen und ich will endlich loslegen. Schließlich habe ich mit der Planung schon im Vorjahr angefangen, weil ich weiß, wie langsam die Mühlen mahlen können.
 
Der Steuerberater gibt dem Tavernenbesitzer folgende Antwort:

kein Buchverkauf möglich, es sei denn …
… es werden Anträge gestellt
… noch ein paar Formulare ausgefüllt
… in die Registrierkasse der Taverne eine neue Tastenfunktion eingebaut

Die ersten Saisongäste kommen bereits auf der Insel an. Es bleibt keine Zeit mehr, in die Stadt aufs Amt zu fahren, damit der Tavernenbesitzer die nötigen Vorgaben erledigen kann. Er vertröstet mich hinsichtlich des Buchverkaufs in der Taverne auf die nächste Saison.
 
Und jetzt? Zurück zur Gewerbeanmeldung?
 
Zwischenzeitlich habe ich Ideen für die Menüfolge bei der Lesung entwickelt. Lecker! Nach der Fastenzeit und dem orthodoxen Osterfest soll es endlich losgehen. Jetzt noch schnell Bücher beim Verlag nachbestellen, denn der Versand auf dem Postweg dauert 2-3 Wochen. Das Paket wird einen Tag, bevor im Verlag eine Urlaubspause eingelegt wird, abgeschickt. Mir wird die Sendungsnummer mitgeteilt, damit ich den Reiseverlauf des Paketes verfolgen kann.
 
Das Paket verläßt Deutschland … und kehrt für wenige Stunden wieder dahin zurück. Sagt die Sendungsverfolgung. Nach ein paar Tagen rufe ich in Deutschland bei DHL an. Man teilt mir mit, dass die Sendungsnummer zweimal vergeben wurde: für ein Paket nach Griechenland und eines nach Ungarn. Super gelaufen!
 
Noch bevor die Bücher Kreta erreichen, erhalte ich die heiß ersehnte Nachricht von meinem Steuerberater. Richtig! Ich habe einige Wochen darauf gewartet. Der Inhalt:

Gewerbeanmeldung möglich!

Vorsichtig freue ich mich. Doch es folgt noch ein weiteres Wort:

Krankenkassenwechsel!

Bei einer Gewerbeanmeldung sei der Wechsel der Krankenkasse unumgänglich. Um die monatlichen Beiträge zahlen zu können, müsste ich reichlich “Drei Stühle” an den Leser bringen. Und jetzt? Ende! Aus! Vorbei! Ein Rückschlag, der mich trifft. Ich frage mich ernsthaft, ob ich meinen neuen Roman wirklich zu Ende schreiben sollte. Der Sommer steht vor der Tür, das Meer lockt. Ich sitze bei 30 Grad Innentemperatur und gefühlten 45 Grad Außentemperatur im Zimmer vor dem Laptop und kreiere neue Figuren, lasse sie eine Geschichte erzählen.
 
So schnell gebe ich nicht auf. Es wird eine Lösung geben. Langsam die Steine aus dem Weg räumen: Den Roman schreibe ich zu Ende.
 
Hurra, das Buchpaket vom Verlag ist angekommen! Doch was soll ich nun mit den Exemplaren machen?
 
Die Buchhandlung in einer Stadt auf Kreta hat mir bereits im Vorjahr angeboten, Lesungen zu halten. Die Stadt hat mehr als 2000 Einwohner, aber wenn ich auf das Honorar verzichte, ist es erlaubt. Ich muss den Honorarverzicht nur nachweisen können! Und noch ein Problem: Wenn ich die Bücher nicht an den Leser verkaufen darf, dann schon gar nicht an eine Buchhandlung. Ich bitte die Besitzerin also, die Bücher über den Verlag zu beziehen. Ich könne die bereits vorrätigen Exemplare sofort im Verlagsnamen ausliefern. Ich werde um griechische Bedenkzeit gebeten. Es folgt – Sie ahnen es schon – die Abklärung mit dem Steuerberater. Ja, sie hat auch einen!
 
Da schlummern die Bücher, schön aufgereiht im Karton. Werbeplakate für die Lesungen werden vom Verlag erstellt. Wiederholtes Nachfragen in der Buchhandlung – natürlich jeweils mit mehreren Tagen Abstand – bringt das Problem endlich ans Licht: Der Besitzer hat gewechselt. Das Geschäft möchte bei Bestellung über den Verlag keine Überweisungen nach Deutschland tätigen, da die Gebühren zu hoch sind. Das stimmt, leider! Von Online Banking und paypal will niemand etwas hören. Und weitere Formulare beim Finanzamt will niemand beantragen.
 
Wieder eine Sackgasse!
 
Sanft streiche ich mit den Fingern über die “Drei Stühle” im Karton, die sich beharrlich weigern, weiterhin eingesperrt zu bleiben und zu vergilben. Sie wollen in die Sonne und unter die Leser, die sich auf den Liegen aalen. Fast jeder Dritte hat am Strand ein Buch in der Hand, das könnte ein Exemplar meiner “Drei Stühle” sein!
 
 
Holt uns hier raus
 
 
Zum Glück habe ich Pedros, den Wächter der Bücher. Fortsetzung folgt … [Teil 2]
 
S&F Magazin | Sigrid Wohlgemuth | 30.08.2013

4 Kommentare

  1. Das ist ja ärger als Odysseus’ Reise über die Meere! Ich kann kaum glauben, welche Prügel der armen Autorin in den Weg gelegt werden.
    So lässt sich Griechenlands Wirtschaftdebakel gewiss nicht lösen!

    Herzliche Grüße
    Elsa Rieger

  2. Das ist doch ein Wahnsinn! Ich drück dir die Daumen, dass du diese Hürden bald überspringen kannst. Gerade im Urlaub sind doch Lesungen für die Gäste besonders schön.

    Herzliche Grüße
    Dagmar

  3. Jetzt wundert mich gar nichts mehr. Siegrid Du Arme. Wenn bei Euch das immer so funktioniert, werdet ihr in 100 Jahren noch Finanzhilfe benötigen. Ich hoffe für Dich, dass Lesungen außerhalb Griechenlands besser waren.

    Liebe Grüße
    Kurt

  4. Durch die Finanzkrise wurden die Gesetze angezogen. Es wird schon einen Weg geben. Teil 2 der Odysee ist somit lesenswert :-)

    Danke für Eure Kommentare
    Sigrid Wohlgemuth

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