Drei Stühle und eine kretische Odyssee – der 2. Teil

Gepostet am Sep 25, 2013

“Die Odyssee (griechisch : ἡ Ὀδύσσεια – hē Odýsseia), neben der Ilias das zweite dem griechischen Dichter Homer zugeschriebene Epos, gehört zu den ältesten und einflussreichsten Dichtungen der abendländischen Literatur. In Schriftform wurde das Werk erstmals im 7. Jahrhundert v. Chr. festgehalten. Es schildert die Abenteuer des Königs Odysseus von Ithaka und seiner Gefährten auf der Heimkehr aus dem Trojanischen Krieg. In vielen Sprachen ist der Begriff „Odyssee“ zum Synonym für eine lange Irrfahrt geworden.” (Wikipedia)

So auch hier. Die “lange Irrfahrt” unserer Autorin Sigrid Wohlgemuth begann am 28. Februar 2013, als ihr Buch “Drei Stühle” erschien, wenn nicht gar eher. Die Idee, Lesungen auf Kreta, wo die Autorin seit einigen Jahren lebt und arbeitet, durchzuführen, treibt sie um. Der erste Teil der Odyssee erschien vor gut einem Monat. Nun folgt der zweite und letzte Teil:
 
 
Holt uns hier raus
 
 
Im deutschen Club gibt es eine Boutique. Dort werden deutschsprachige Magazine und Tageszeitungen angeboten. Zum Glück gehen mir die Ideen nicht aus, nach Orten zu suchen, Drei Stühle an den Leser zu bringen. Zugang zum Club haben nur Gäste, darum bitte ich meine griechische Freundin, die dort arbeitet, Kontakt aufzunehmen. Einen Tag später darf ich mein Anliegen persönlich vortragen, mit Begleitschutz meiner Freundin, falls ich des Clubs verwiesen werde.
 
Ahnen Sie bereits, was nun folgt? Richtig: Erst halte ich Rücksprache mit dem Steuerberater, erst dann frage ich in der Boutique, ob Interesse besteht, die Bücher zu verkaufen. So ganz erfreut scheint mir die Geschäftsführerin nicht, ich gebe die Hoffnung nicht auf und verhandle weiter. Eine Woche Bedenkzeit. Gerne! Die sieben Tage sind um. Sie denken jetzt, warum frage ich nicht nochmals nach? Irgendwann geht auch mir die Puste aus. Und nun?
 
Meine kretische Freundin “baut eine Brücke” zum Minimarkt in einem Fischerdorf. Das Geschäft befindet sich in der Nähe der Taverne, in der ich gerne Lesungen abhalten möchte. Der Zuhörer könnte dort vor oder nach der Lesung das Buch beziehen. Somit wäre das Problem gelöst sein, das Buch an den Leser zu bringen. Sie erinnern sich: Wegen des geltenen Steuerrechte darf ich das Buch nicht selbst verkaufen.
 
Noch bin ich skeptisch, doch diesmal werde ich positiv überrascht: Die Besitzer bitten mich, Drei Stühle vorzustellen. Und los! Juhu, was sind die Bücher froh, als ich den Karton öffne und Tageslicht auf sie fällt. Die Bücher streiten sich darum, welches herausgenommen wird. Ich wähle blind, um keines zu benachteiligen.
 
Als Erstes wird mir beim Gespräch mitgeteilt, dass deutsche Touristen während der gesamten Saison höchstens 5-6 Bücher erwerben. Aber gerne lassen sie es auf einen Versuch ankommen. In der Buchhandlung stehen nun Exemplare von Drei Stühle und warten auf die Leserschaft. Die Plakate können in den Druck, die Werbung kann anlaufen.
 
Einen Schritt vor und dann wieder Stillstand: Die Druckmaschine ist defekt! Es wird einige Tage dauern, bis das Ersatzteil vorrätig ist. Nach wenigen Tagen wird die Wartezeit um weitere “wenige” Tage verlängert. Ich gehe auf die Suche nach einer Alternativdruckerei und fahre dafür in eine andere Stadt. Gleich werde ich fündig. Innerhalb von 6 Minuten sind die Plakate – die Farben sind großartig! – fertig. Keine Rücksprache mit dem Steuerberater nötig :-) Nun fehlen nur noch die laminierten Werbeunterlagen, die in Deutschland gefertigt werden und per Post unterwegs sind. Ich will sie in den Unterkünften auslegen.
 
Am Abend fahre ich ins Dorf zum Fischessen und komme am Minimarkt vorbei. Die Besitzerin spricht mich an. Ihr Steuerberater könne mit der Verlagsrechnung nichts anfangen. Bitte? Ich erkläre ihr die Umsatzsteuerrichtlinien, schließlich war ich jahrelang in diesem Beruf tätig. Sofort wird mir die Telefonnummer des Steuerberaters ausgehändigt. Ich soll selbst mit ihm sprechen. Am nächsten Tag lese ich mir vorsichtshalber die gesamten Bestimmungen des Umsatzsteuergesetzes für innergemeinschaftliche Lieferungen im Internet durch. Es könnte sich in den letzten Jahren etwas geändert haben und ich will gerüstet sein. Zwar will ich den Steuerberater in seinem Büro aufsuchen, aber ich denke, es ist besser, ich melde mich telefonisch an. Das Telefonat dauert keine 2 Minuten. Mit der Rechnung vom Verlag sei alles in Ordnung, aber der Minimarkt müsse einen Antrag beim Finanzamt stellen.
 
Ich fahre zum Minimarkt und stelle mich innerlich darauf ein, die Bücher mitzunehmen. Ein Exemplar wurde verkauft! In die Freiheit entlassen! Vielleicht bereitet sich der/die LeserIn bereits ein Moussaká, eine kretische Linsensuppe oder einen Auberginensalat zu und erfreut sich dabei an meinen Geschichten. Entschuldigung, ich schweife ab. Doch ich muss mich an diesem Bild festhalten, um bei den ständigen Rückschlägen nicht den Mut zu verlieren.
 
Die Minimarkteigentümerin schließt sich sofort mit ihrem Steuerberater kurz. Es bleibt dabei: Antrag stellen für innergemeinschaftliche Lieferungen. Das kann der Steuerberater erst in der folgenden Woche erledigen, da für diesen Bezirk nur ein Tag beim Amt eingeräumt ist. Das zuvor zuständige Finanzamt wurde wegen der Krise geschlossen. Außerdem steigt die Steuerberater-Pauschale pro Antrag, die der Minimarkt zahlen muss. Die Besitzerin bittet um Bedenkzeit. Oh nein!
 
Nicht eine Woche, sondern keine 5 Minuten später ruft sie ein weiteres Mal den Steuerberater an und bittet, alles Nötige in die Wege zu leiten. Die Bücher bleiben im Geschäft. Die Werbung könnte nun ausgeteilt werden, doch die laminierten Werbeunterlagen sind noch nicht da. Ruhe bewahren!
 
Nach acht Tagen ist es endlich soweit. Zum Verteilen komme ich jedoch noch nicht. Ich will den hohen Feiertag abwarten. Wenigstens das schöne Plakat zeige ich im Minimarkt vor. Und siehe da: Was schief laufen kann, läuft schief. Mir ist ein “r” zu viel in den Namen gerutscht. Alles neu drucken lassen? Die Kosten?! Ich entschuldige mich mehrfach, erkläre es würde eh keinem deutschen Urlauber auffallen. Schließlich bekomme ich das Einverständnis, die Plakate aufzuhängen, doch natürlich ärgere ich mich über meinen Fehler. Er verfolgt mich bis in den Schlaf. Genauso die Frage: Wird die Werbung Früchte tragen? Mitten in der Nacht fällt mir ein: Die Flyer brauchen einen Aufkleber, damit die Gäste in den Unterkünften wissen, wo sie das Buch erwerben können. Zum Glück hilft mir, der technisch Unbegabten, der Verlag dabei, die Vorlage für die Aufkleber zu formatieren. Das Ausdrucken schaffe ich alleine. Endlich fertig! Schweiß abwisch!
 
Und nun die große Runde. Plakate aufhängen, Werbemappe in Unterkünften, Tavernen und Bars verteilen. Alle von mir angesprochenen Personen, Besitzer von kleinen Hotels, Villen, Appartementanlagen, Tavernen, Bars, sagen sofort ihre Hilfe zu und legen/hängen die Werbung aus. Zwei Tage später erfahre ich die ersten Verkaufszahlen aus dem Minimarkt. Ich bin begeistert! Die Mühe hat sich jetzt bereits gelohnt.
 
Der August neigt sich dem Ende zu, die griechischen Gäste reisen ab. Ihr Urlaubsmonat ist beendet. Der Betrieb in den Tavernen wird weniger. Die kommenden zwei Monate sind beliebt bei deutschen Urlaubern. Jetzt könnte ein guter Zeitpunkt für eine Probelesung sein.
 
Der Tavernenbesitzer stimmt zu, wir legen den Termin auf den 9.9.2013 fest. Ein Drei-Gänge-Menü wird besprochen. Direkt setze ich mich daran, die Plakate zu beschriften, die Handzettel zu fertigen. Am nächsten Tag verteile ich die Werbung. Wieder die Runde zu Bars, Villen, kleinen Hotels usw. Der Tavernenbesitzer fährt persönlich in den deutschen Club und bittet, ein Plakat aufzuhängen. Der Minimarkt ist bereit, am Abend der Lesung das Geschäft länger zu öffnen für den Fall, dass Zuhörer ein Buch erwerben möchten.
 
Meine griechische Freundin schenkt mir eine Bluse, die sie in der Club-Boutique für mich erworben hat. Leider ist sie ein wenig zu eng. Wir gehen das Kleidungsstück gemeinsam umtauschen. Sie erinnern sich, ich hatte die Geschäftsführerin bereits angesprochen, Drei Stühle in ihrem Laden anzubieten, und erhielt weder eine Antwort noch hatte ich die Puste nachzufragen. Doch jetzt stehen wir uns gegenüber und ich frage, ob sie es sich in der Zwischenzeit – es ist Wochen her! – überlegt hätte. Ihre Antwort haut mich aus meinen Flip-Flops. Sie ist nicht bereit, Bücher zu erwerben und dann darauf sitzen zu bleiben. Ich habe mit allem gerechnet, doch damit nie und nimmer. Dabei habe ich ihr die Bücher auf Kommission angeboten. Ich berichte ihr von den Verkäufen im Minimarkt, kann sie jedoch nicht überzeugen. Sie ist der festen Überzeugung, dass Urlauber nur Magazine erwerben. Hin und wieder bin ich am Strand und sehe die lesenden Gäste: Sie lesen Bücher.
 
Ich muss nach vorne schauen. Werden Zuhörer zur Lesung kommen?
 
Zwei Tage vor der Lesung bekomme ich eine heftige Allergie. Wahrscheinlich reagiere ich allergisch auf die Regentropfen. Gerne würde ich noch einige Wochen Sonne mit strahlend blauem Himmel genießen, obwohl ich weiß, dass Olivenbäume und das vertrocknete Erdreich nach Wasser lechzen. Am Abend erhalte ich die Mitteilung, dass das Plakat im deutschen Club nicht aufgehängt wurde. Ich klemme mir im Rücken einen Nerv ein. Wenigstens verliert sich die Allergie mit den letzten Regentropfen.
 
Ich mache nochmals die Runde zu den Appartmenthäusern. Es könnte ja sein, dass ein Gästewechsel stattgefunden hat. Im Dorf spreche ich deutschsprachige Gäste an und mache sie auf die Lesung aufmerksam. Beim Tavernenbesitzer sind erst 5 Reservierungen eingegangen. Ich lese ab einem Zuhörer, das hatte ich von Anfang an gesagt. Der Minimarkt füllt das Regal mit Büchern auf, wünscht mir für die Lesung viel Erfolg. Ich mache eine Siesta, schlafe schnell ein. Nun ist Abwarten angesagt. Aus meiner Sicht habe ich alles getan. Nervös bin ich nicht, es ist ein ganz normaler Job für mich.
 
Eine Stunde vor Beginn der Lesung fahre ich in die Taverne. Die Tische sind blau-weiß eingedeckt, passend zum Lied von Reinhard Mey kommt mir sofort in den Sinn. Ich bespreche kurz den Ablauf der Lesung, dabei wird mir mitgeteilt, dass es eine weitere Reservierung gibt. Halb acht, die ersten Zuhörer kommen. Einige davon haben nicht reserviert. So kann es weitergehen … und so geht es weiter! Die Gäste von drei reservierten Plätzen erscheinen nicht, dafür andere. Pünktlich um 20 Uhr spreche ich meine Willkommensworte und sage: “Eine Odyssee liegt hinter mir”. Erst später zähle ich durch: insgesamt 19 Zuhörer. Ich lese die ersten beiden ausgewählten Geschichten, die Vorspeise wird serviert. Den Gästen schmeckt es, gespannt hören sie zu. Zum Abschluss zitiere ich aus dem Lied Drei Stühle von Reinhard Mey und verabschiede mich dankend. Nun möchte ich eine Kleinigkeit essen und ein Gläschen Wein auf den Abend trinken. Doch zuvor noch Widmungen in die im Minimarkt gekauften Bücher schreiben.
 
Später, in aller Ruhe, lasse ich das Erlebte passieren, atme durch und denke: Die Odyssee hat ihr Ende gefunden (hoffentlich!). Nach vorne schauen. Bald wird der Termin für die nächste Lesung besprochen und ein neues Menü! Kater Pedros, der Hüter der Bücher ist arbeitslos, er tollt im Vorgarten um die Pflanzen, denn der Karton ist leer! Die neue Lieferung wird morgen auf dem Postamt erwartet, genau zum richtigen Zeitpunkt.
 
Nachlese: Der Manager vom Club ist in der Taverne gewesen, erfahre ich später vom Tavernenbesitzer. Es handele sich um ein Missverständnis, dass das Plakat nicht aufgehängt wurde. Er wurde nicht informiert. Beim nächsten Mal. Übrigens auch mein Steuerberater kam nach der Lesung noch in die Taverne. Er sagte: „Ich möchte ein Buch erwerben.“ Meine Antwort: „Mein Steuerberater sagte mir, ich dürfe keine Bücher verkaufen. Drei Stühle gibt es im Minimarkt.“ Ob er mich auf die Probe stellen wollte?
 
Ich danke Frau Grol-Langner vom Verlag STORIES & FRIENDS, die die Odyssee mit mir durchgestanden hat und mir immer hilfreich zu Seite stand, meinen Freunden fürs Daumendrücken und den Zuhörern, die bei der erste Lesung nach der Odyssee dabei waren.
 
Jammas! Prost!
 
Zur Belohnung, dass Sie bis jetzt durchgehalten und den Beitrag gelesen haben, einige Bilder vom Menü der ersten Lesung.
 
Dolmádes (gefüllte Weinblätter), Féta- u. Spinatteigtaschen, Zazíki, Taramosaláta (Fischrogensalat)
Vorspeise: Dolmádes (gefüllte Weinblätter), Féta- u. Spinatteigtaschen, Zazíki, Taramosaláta (Fischrogensalat)
 
Die Hauptspeise stand zur Auswahl:
 
Briám (Gemüsepfanne)
Briám (Gemüsepfanne)
 
Kakaviá (Arme – Fischermann – Suppe)
Kakaviá (Arme – Fischermann – Suppe)
 
Lamm mit Zitronenkartoffeln aus dem Ofen
Lamm mit Zitronenkartoffeln aus dem Ofen
 
Obstteller, Joghurt mit Honig und Walnüssen
Dessert: Obstteller, Joghurt mit Honig und Walnüssen
 
Alle Rezepte dazu finden Sie in Drei Stühle.
 
S&F Magazin | Sigrid Wohlgemuth | 25.09.2013

2 Kommentare

  1. Ende gut, alles gut! Hut ab vor dem Durchhaltevermögen und weiterhin viel Erfolg bei den Lesungen.

  2. Sicher ein tolles Buch, dass ich mir demnächst kaufen werde.

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