Krimi mit Charakter

Gepostet am Sep 13, 2011

Schreibt man einen Krimi, brauche man einen handfesten Charakter, besser zwei, erklärte Marianne Glaßer, als wir über den Krimi einer befreundeten Autorin diskutierten. Ihre Erläuterung fand ich treffend. Für alle Autorin, die sich mit dem Gedanken, einen Krimi zu schreiben, befassen, hier Mariannes Glaßer krimicharakterbildende Tipps:

Manchmal hat man beim Schreiben eines Kriminalromans Schwierigkeiten, den Ermittlern einen Charakter zu geben. Dabei kann es hilfreich sein, sich die Fernsehkommissare vor Augen zu halten, deren Charaktere meistens gut ausgearbeitet sind: Lena Odenthal ist die harte Frau, Professor Boerne der arrogante Intellektuelle, Andreas Keppler der Bedächtige, Misstrauische, Uwe Steimle war das Weichei, Herbert Schmücke der empfindliche Intellektuelle, Ivo Batic neigt zum Ausrasten, Freddy Schenk kann an keiner Imbissbude vorbeigehen. Mit dem zweiten Ermittler haben diese meist ein Gegenstück, wodurch sich Konfliktpotential zwischen beiden ergibt, sie sich aber auch in ihrer Vorgehensweise ergänzen: Frank Thiel ist der Dümmere, Erfolglosere und eignet sich gut für Ermittlungen in der Unterschicht, Eva Saalfeld ist kommunikativ und haut Keppler bei den Leuten wieder heraus, mit denen er es sich eben verdorben hat, Franz Leitmayr schafft es, seinen Kollegen zu beruhigen.

Die Charaktere der Ermittler stehen oft mit den Fällen im Zusammenhang: Professor Boerne erwischt immer einen Fall, bei dem er den Streber heraushängen lassen kann, Freddy Schenk aus Köln hat öfter mit Kindern zu tun, seit seine Tochter ein Kind hat, der Kroate Batic stößt häufig auf Kriminelle aus Osteuropa. Man kann also beim Erschaffen des Charakters von dem Fall ausgehen, über den man schreiben möchte: Handelt er etwa auf der Alm, kann der eine Kommissar bewegungsfaul sein und der andere wanderfreudig, der eine ist tierverrückt und der andere hat Angst vor Kühen, einer ist ein Naturmensch und der andere lebt steril sauber, einer isst gern deftige Brotzeiten und die Kollegin ist magersüchtig. Dabei kann man sich die Liste der Fernsehkommissare anschauen und überlegen, welche Eigenschaften noch nicht oder noch nicht allzu oft da waren. Aus der einen Eigenschaft kann man dann einen größeren Teil der Persönlichkeit entwickeln: Wie ist jemand bewegungsfaul geworden? Hat ihn zu Hause die Oma verwöhnt oder war er schon immer zu dick und ist im Sportunterricht gehänselt worden? Und wie ist jemand Bewegungsfaules im sonstigen Leben? Er legt vielleicht Wert auf ein großes, bequemes Auto und passt gar nicht in eine Klapperkiste. Er kauft eher im Supermarkt ein, als in mehrere kleine Geschäfte zu laufen; im Urlaub fährt er ganz sicher nicht in die Berge und zu Hause hat er ein bequemes, breites, teueres Bett. Der Tierverrückte ist auf dem Bauernhof aufgewachsen oder hatte als Kind ein Kaninchen als einzigen Freund, der Sauberkeitssüchtige will sich damit vom elterlichen Alkoholikermilieu absetzen, die Magersüchtige hat eine Mutter mit Helfersyndrom usw. usf.

Wenn man den Charakter umrissen hat, kann man auch die Handlung personalisieren. Schon auf dem Weg zum Büro würde Schenk nach etwas zu essen Ausschau halten, Steimle würde sich frierend die Hände reiben, Keppler etwas vom Boden aufheben und bei Rot über die Ampel laufen und Boerne einen ehemaligen Studienkollegen treffen. Auch am Telefon meldet sich jeder anders: Boerne rattert all seine Titel herunter, Steimle sagt nur „Teilnehmer“, um nicht aus Versehen einen Vertrag abzuschließen, Schmücke hört gerade eine Mozart-Klaviersonate und Keppler geht gar nicht erst ran. Auch die Sprache richtet sich nach dem Charakter: Der eine sagt gerne Schimpfwörter und der andere bekommt dabei einen Schreck, einer hat Dialekteinsprengsel und der andere kennt alle Fremdwörter, einer verfällt oft in Schweigen und der andere labert ständig mit jedem. Man muss es ja nicht zu weit treiben, aber damit bekommen einfache Szenen mehr Charakter, je nachdem, welche Eigenschaften man für seinen Kommissar gewählt hat.

S&F Magazin | 13.09.2011 | Marianne Glaßer

Marianne Glaßer, geboren 1968 im kalten Fichtelgebirge, wo sie wider Erwarten immer noch lebt. Nach dem Abitur Studium der Angewandten Sprach- und Kulturwissenschaften in Germersheim, Nancy und Neapel. Nach einigen Umwegen Tätigkeit als freie Übersetzerin (Kunstgeschichte, Naturwissenschaften, Reiseliteratur). Veröffentlichungen von Lyrik und Prosa in Anthologien und Literaturzeitschriften.

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