Von unaufgeregter Nacktheit und geschenkten Kondomen

Gepostet am Jan 6, 2011

Ein Interview mit Marina Jenkner zur Verfilmung von „Kurvendiskussion“. Zum Jahr der Mathematik 2008 schrieb STORIES & FRIENDS einen Wettbewerb aus und gab das Buch „rätselhaft + wunderbar“ heraus. Den dritten Platz belegte damals die sehr lustvolle Kurzgeschichte: „Kurvendiskussion“ von Marina Jenkner. Jetzt hat die Autorin und Filmemacherin ihre Kurzgeschichte verfilmt. Wie es dazu kam erzählt sie uns im folgenden Interview.

Wie kamen Sie damals darauf, die Themen Lust und Verhütung mit der Welt der Zahlen zu verbinden?

Marina Jenkner: Ich drehte 2008 gerade einen Dokumentarfilm über eine sichere natürliche Verhütungsmethode, als ich die Ausschreibung von STORIES & FRIENDS las. Zuerst dachte ich an mein Matheabi, bei dem ich mit einer einstelligen Punktzahl nicht gerade glänzte, aber dann wurde mir klar, dass das Dokumentarfilmthema, zu dem ich so lange recherchiert hatte, auch nichts anderes war als Mathematik. So schrieb ich eine augenzwinkernde Geschichte über die erotische Seite der Mathematik.

Und wie kam es zu der Idee, diese Geschichte zu verfilmen?

M.J.: Eigentlich war die „Kurvendiskussion“ für mich abgeschlossen – sie war veröffentlicht, hatte einen Preis gewonnen und sorgte auf Lesungen regelmäßig für ein amüsiertes Publikum. Wäre da nicht mein Kollege Christoph Müller gewesen, mit dem ich seit fast zehn Jahren zusammen Filme drehe und dem ich „rätselhaft + wunderbar“ geschenkt hatte. Er sagte mir mehrmals, dass es ihn reizen würde diese Geschichte zu verfilmen – auch als amüsanten Abschluss des Verhütungsthemas, das uns durch den gemeinsamen Dokumentarfilm so lange begleitet hatte.

Sie waren aber skeptisch?

M.J.: Die Geschichte funktionierte als Prosa, ich war mir zunächst nicht sicher, ob sie auch mit bewegten Bildern funktionieren würde. Zumal die Geschichte ihren Witz aus den Gedanken der Ich-Erzählerin zog, eine Stimme aus dem Off aber sehr unfilmisch gewesen wäre. Aber dann begann ich mit dem Drehbuch, wir arbeiteten an der Visualisierung der Geschichte und ich freute mich darauf, meine eigene Story zu adaptieren.

Wann war das und wie ging es dann weiter? Wie haben Sie die Schauspieler gefunden?

M.J.: Im Frühjahr 2010 begannen wir mit den Planungen. Uns war klar, dass es nicht leicht sein würde, Schauspieler zu finden, schließlich sollten diese fast den gesamten Film über unbekleidet agieren. Wir wollten den Film einfach so natürlich wie möglich inszenieren – da passte kein Unter-der-Bettdecke-verstecken oder BH-im-Bett-anlassen, wie man es manchmal in prüden amerikanischen Filmen sieht. Unsere Schauspieler sollten „unaufregend nackt“ sein und das versuchten wir natürlich auch bei unserer Schauspielsuche zu kommunizieren. Allerdings haben wir im Vergleich zu früheren Filmen sehr wenige Bewerbungen erhalten, darunter nur extrem wenige von Frauen.
Lisette Schwarz und Andreas Meyer gefielen uns optisch sofort. Lisette hat uns bei unserem ersten Treffen durch ihre Entschlossenheit beeindruckt, die Nacktheit während des Films als Herausforderung anzusehen. Andreas schien das Ganze ziemlich cool zu sehen. Dass sich die beiden vorher nicht kannten, hat dem Film vielleicht noch zusätzlich etwas „Würze“ gegeben.

Stichwort erster Drehtag – wann, wo und mit welchem Team?

M.J.: Unser erster Drehtag war Mitte Juni – der Außendreh für den Vorspann. Als Kulisse haben wir die Universität Wuppertal gewählt, die mit ihren kubischen 70er-Jahre-Gebäuden und unzähligen Außentreppen auf einem Berg über der Stadt thront. Zum einen wollten wir im Vorspann einen Hinweis auf den Studentenstatus der Protagonisten geben, zum anderen fanden wir durch die Filmperspektiven nette geometrische Formen, die ja wiederum zum Thema Mathematik passen.
Das Team waren Christoph Müller und ich – unser künstlerisches Konzept heißt bei all unseren Projekten: Qualität durch Reduktion = so wenig Personal und Technik wie möglich. Als so kleines Filmteam konnten wir während des Unialltags drehen, ohne groß aufzufallen. Lustig war, als uns eine Frau Kondome schenkte, um uns zum Blutspenden zu bewegen. Das Blutspendemobil war an diesem Tag an der Uni, aber über das thematisch passende Kondom mussten wir doch sehr lachen.

Wie war der weitere Dreh?

M.J.: Eine Woche später hatten wir zwei Drehtage für den Innendreh geplant. Von der Ausstattung her war das eher unaufwendig, da der gesamte restliche Teil des Filmes in einem Schlafzimmer spielt. Zu jedem Drehtag gehört auch immer ein kleiner Schock oder eine Panne – diesmal war es der Sonnenbrand, den sich der Schauspieler leider zwei Tage zuvor eingefangen hatte …
Wieder waren wir als Filmteam nur zu zweit, was uns gerade für die sehr intimen Szenen auch wichtig war. Mit zu viel Technik zerstört man leicht die Stimmung. Mein Kollege Christoph Müller setzt das Licht und führt die Kamera, ich angele den Ton und kontrolliere die Dialoge. Regie führen wir gemeinsam, oft auch als kreativen Prozess, in dem die Schauspieler auch eigene Ideen einbringen oder Varianten anbieten können.
Nach dem anfänglichen Dialog kommt es ja zum Kuss zwischen den Protagonisten und dann fällt die Kleidung. Da haben wir die Schauspieler improvisieren lassen und wir standen mit Kamera und Tonangel als stille Beobachter daneben. In solchen Momenten hält man echt vor Spannung die Luft an. Lisette und Andreas haben das souverän gemacht. Und wir haben die Kameraeinstellungen immer so gewählt, dass wir nichts zur Schau stellen, aber auch nichts mit verklemmten Verrenkungen verdecken. Wir haben den ganzen Tag gedreht und kaum Pause gemacht. Abends waren wir dann schon so weit im Drehbuch fortgeschritten, dass wir beschlossen haben, die restlichen Szenen an diesem Abend noch durchzuziehen und den zweiten Drehtag zu streichen. Das war erstaunlich, weil man eigentlich immer länger braucht als geplant. Aber obwohl die Dialoge nicht einfach sind und teilweise mehrmals wiederholt werden mussten, sind wir sehr gut durchgekommen.

Der Schnitt hat dann etwas länger gedauert als der Dreh?

M.J.: Ja, allerdings auch deshalb, weil wir natürlich noch andere (brotberufliche) Projekte neben dem Film hatten. Den Schnitt haben wir im Sommer begonnen, im Herbst beendet. Ein aufwendiges Thema war dann noch mal die Filmmusik. Der Anfang des Filmes lebt ja davon, dass er Klischees bedient – Mann und Frau treffen sich, landen im Bett. Schon tausendmal gesehen. Da spielt die Musik eine wichtige Rolle: Soll sie klischeehaft-schnulzig sein oder Ironie andeuten? Zum Glück haben wir einen tollen Filmmusiker gefunden, Florian Schmitz, der mit uns zusammen die Musik erarbeitet hat und immer wieder auf unsere Änderungsvorschläge eingegangen ist. Herausgekommen ist nun etwas Locker-rockiges für den Vorspann, und im Film selbst sorgt ein Bass als Melodieträger teilweise für leichte Irritation.

Was wird nun mit dem Film geschehen?

M.J.: Wir reichen den Film momentan bei Filmfestivals ein und hoffen natürlich, dass er bei der ein oder anderen Jury auf Zuspruch stoßen wird. Im November ist der Film außerdem ins Kopierwerk gegangen, jetzt vertreiben wir ihn über meine Homepage .
Demnächst werden wir hier in der Region noch einen kleinen Filmabend mit „Kurvendiskussion“ und älteren Filmen von uns gestalten. Und sollte ich mal wieder einen kombinierten Literatur-Film-Abend machen, habe ich nun natürlich die Qual der Wahl, ob ich dem Publikum „Kurvendiskussion“ lieber rein akustisch oder auch visuell präsentiere …

Trailer "Kurvendiskussion"

Jenkner & Müller WortBildFilmKUNST | Myspace Video

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