Wenn keiner mehr (kurze) Geschichten liest …

Gepostet am Mai 16, 2010

“Wie gefragt sind die knappen Storys”, fragt das Börsenblatt in Heft 19 den Buchhandel. Es hänge von den Autoren ab, ob der Leser statt zum Roman zum Erzählband greift, und davon, ob er aktiv empfohlen wird. Die Antworten überraschen nicht, ernüchtern trotzdem.

Die, die die großen Meister der kleinen Form für sich entdeckt haben, lieben sie wegen der Abwechslung, als ideale Lektüre für unterwegs, weil sie Einblick in unterschiedliche Welten eröffnen, so das Börsenblatt. Dem kann ich uneingeschränkt zustimmen.

Ich habe die Short Story in der Schule für mich entdeckt. Wir lasen die Autoren der Nachkriegszeit, Wolfgang Borchert, Heinrich Böll, Marie Luise Kaschnitz, Siegfried Lenz und viele andere. Wir lasen Trümmerliteratur, Geschichten, deren Kargheit Entsetzen auslöste, deren offenes Ende mir einen größeren Schauer über den Rücken jagte, als hätten sie im Detail erzählt, was dann passierte.

Das Wesen der Kurzgeschichte ist aber aggressiv, provozierend, antibürgerlich, erregend; sie ist eine Waffe, die sich gegen bürgerliche Trägheit richtet, gegen Vogel-Strauß-Politik, die Unsitten und verheimlichtes Elend aufdeckt; sie hat nichts gemein mit dem epischen Geborgensein des früheren Romans oder gar der einlullenden Feuilletongeschichte.

schreibt Ruth J. Kilchenmann in “Die Kurzgeschichte – Formen und Entwicklung” (Seite 108f).

Wenn keiner mehr Geschichten liest … Wann hat die literarische Gattung “Kurzgeschichte” begonnen, ihre Bedeutung zu verlieren. In den 60er Jahren heißt es … mit dem Wirtschaftswunder. Brauchten wir nach dem Wunder keine provozierenden, aufklärenden, anklagenden, beunruhigenden Geschichten? Gibt es kein heimliches Elend mehr, hat Protest inzwischen eine andere Form gefunden oder will ihn keiner mehr lesen?

Heute stehen Kurzgeschichten für liebenswerte Miniaturen des Alltags, für den Blick hinter die Kulissen. Noch immer bedürfen Sie einer unerwarteten Wendung, einer überraschenden Entwicklung und so werden sie zu Schmunzelgeschichten, Anekdoten, regen zum Nachdenken an, spiegeln scharfsichtig unser Leben, belustigen. Die Short Story ist eine Meisterin der Fähigkeit, Dinge auf den Punkt zu bringen, ein Thema zu vermitteln, eine Aussage zu transportieren. Sie kann und darf unterhalten, fröhlich sein oder vor Spannung knistern. Aber sie scheint nur Autoren mit hohem Bekannheitsgrad vorbehalten zu sein. Ja, es gibt sie, die Geschichten-sammlungen in der Bestsellerlisten. Doch wieviele wunderbare Geschichten werden nicht gelesen, weil sich keine oder zu wenig Empfehler finden?

Also warum nicht Themen nehmen, die sich dem Leser selbst empfehlen. Stories, die nachdenklich machen, fragen oder aufklären, mogeln sich stets von ganz allein zwischen Anekdoten und Unterhaltung. In unserem Koch-Buch “Gaumenkitzel”, das im Herbst dieses Jahres erscheint, stellen wir Geschichten zu literarischen Menüs zusammen. Michael Zeidler – und jetzt plaudere ich aus dem Nähkästchen – hat uns eine Gänsehaut-Story über das erste Sit-In in Greensboro geliefert. Im Kaffee-Buch “Arabica & Robusta” widmet Olga Felicis ihre Kaffeestory dem Asylbewerber Cheibani W. Im Whisky-Buch “Aqua Vitae” philosophiert Peter Wobbe über wahre Werte. Für “100% Schokolade” lieferte Diana Wieser eine Schokoladen-”Trümmergeschichte” ab.

Was ist mit Ihnen? Mögen Sie Kurzgeschichten? Schreiben Sie uns.

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