Paris-Basra und das Ravensburger Kontrastprogramm

Gepostet am Okt 19, 2011

Der überdachte Innenhof des Museum Humpis-Quartier war bis zum Dach gefüllt. Ja, Sie lesen richtig, bis zum Dach. Menschen saßen sogar auf den Treppen, über die die oberen Stockwerke eines der besterhaltenen spätmittelalterlichen Wohnquartiere in Süddeutschland erreicht werden können. Die Freude auf eine höchst amüsante Orientreise war ihnen – den Menschen – anzusehen. Die ersten hielten sein Buch schon in der Hand, bevor es richtig losging, fieberten auf ein, zwei Stunden voller Wortwitz, Einfallsreichtum und Originalität, auf eine Lesung der besonderen Art, authentisch, ironisch, eben Bodo Rudolf.

Museum Humpis Quartier

Der Ingenieur verbrachte Jahrzehnte mit seiner Familie im Irak, Iran, in Syrien und an anderen fernen Orten, wo es galt Papierfabriken zu bauen von einem bizarren Gemisch von Menschen aus aller “Herren und Frauen Länder”. Multikulti sagen wir heute. Palmen mit blauen Lagunen fand Bodo Rudolf nicht. Es waren harte Zeiten, Zeiten in denen das Heimweh schmerzte und das ungewohnte Klima zusetzte. Die Fremde mit ihren ganz eigenen Gesetzen forderte Gelassenheit, selbst wenn der “ausgebrochene” Krieg Ängste schürte. Wie oft wird hier und heute von Integration gesprochen? Lesen wir in Paris-Basra jedoch, mit welcher Intensität man in der Fremde heimatlichen Genüssen fröhnt und liebgewonnen Gewohnheiten nachgeht, wird klar, dass kulturelle Wurzeln nicht an Landesgrenzen absterben. Dass Bodo Rudolfs Geschichten trotzdem so leicht daherkommen, ist bewundernswert. Es sind Geschichten voller Sympathie für die Menschen und ohne erhobenen Zeigefinger, Geschichten mit feiner Ironie oder gar grotesker Komik, Geschichten, die geeignet sind, Menschen zum Lachen bringen.

Doch eine Buchvorstellung und Lesung ausschließlich, um die Menschen zum Lachen zu bringen, wäre weder “Paris-Basra” noch den damaligen Kollegen und den Menschen seiner früheren Gastländer gerecht geworden. Es schien, als wollte Bodo Rudolf den Menschen, bei denen er jahrzehnte zu Gast war, eine Stimme verleihen. So wie sich Basra von Paris unterscheidet – in der französischen Hauptstadt begann Bodo Rudolfs Auslandseinsatz -, so kontrastreich war auch das Abendprogramm. Der Journalist, Autor und Dozent Wolfram Frommlet – selbst Orientreisender – moderierte und las Lyrik von arabischen Schriftstellern und Dichtern, gab den Träumen der Menschen Ausdruck, deren Revolution wir derzeit mit Spannung im Fernsehen verfolgen, und ließ weibliche arabische Literatinnen zu Wort kommen, die es so lange noch nicht gibt.

Es kribbelte. Die Spannung war groß, die Luft aufgefüllt voller Poesie, die mit den Erwartungen der Besucher spielte. Als dann der Musiker, dessen Name ich noch herausbekommen werde und nachliefere, ein junger Mann aus der alevitischen Gemeinde seine virtuosen Lieder auf der Baglama, einer Langhalslaute, spielte und dazu mit seiner wundervollen Stimme sang, entstand eine geradezu hypnothische Atmosphäre voller Traurigkeit und Sehnsucht, genau die Atmosphäre, die man – “spürt man genau hin” – beim Lesen zwischen den Zeilen von Bodo Rudolfs Geschichten empfindet.

“Paris-Basra” ist kein Reiseführer, kein Ratgeber für Orientreisende, keine Reiseerzählung. “Paris-Basra” ist ein Buch über Menschen, über ihre Träume und Sehnsüchte, ein Buch über Heimat in der Fremde, über Integration. Ein politisches Buch.

Karen Grol | 19.10.2011 | S&F Magazin

1 Kommentar

  1. Liebe Kulterfreunde

    ja ich kann das nur bestätigen, es war ein traumhafter Abend im Altstadtmuseum – und Bodo Rudolf hat uns alle verzaubert, und in sehr treffenden Worten gefasst, was wir damals in der Wüste spürten.
    Und Ihr schönes Museum hat wunderbar dazu beigetragen.
    Mit herzlichem Dank und den besten Grüssen und Wünschen
    Leo Vetterli

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