Die Folgen von Hummeln im Hintern, Idiosynkrasie und Wunderfitz

Gepostet am Apr 8, 2011

Dem Ingenieur steht die Welt offen, hieß es in den Sechziger Jahren.
Bodo Rudolf zog es hinaus, erst nach Paris, dann in den Mittleren Osten, in den Irak, den Iran, nach Syrien, Abu Dhabi, aber auch nach Sumatra und an andere ferne Orte. Mit und ohne seiner Familie lebte er jahrzehntelang auf Großbaustellen unter Palmen.

In Paris-Basra – das Buch erscheint im September bei STORIES & FRIENDS – erzählt er von Menschen, die er bei seinen Aufenthalten im Orient getroffen hat. Er erzählt von Nöten und Abenteuern, von Menschen, Kulturen und ihren Schwächen, von lustigen und weniger lustigen Situationen und scheint dabei nie den Humor verloren zu haben.

Beim Lesen seiner Storys erhielt ich eine Vorstellung davon, wie solch ein Leben im Orient sich anfühlt. Ich musste ihn fragen – ich bin halt neugierig. Herr Rudolf, hallo … pssst! … verraten Sie mir, hatten Ihre Frau und Sie nie die Nase voll? Und wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass Sie ein Reisender wurden? Was hat Sie denn bloß angetrieben?

Seine Antwort, ganz typisch Bodo Rudolf, kam per Mail, erreichte mich im Auto auf der Fahrt zur Leipziger Buchmesse! Lesen Sie selbst … Hier die ungekürzte und garantiert unzensierte Antwort:

Bodo Rudolf. Wenn ich beim Bier erzähle, wo wir überall gelebt und was wir alles erlebt haben, fragen mich die Leute: „Und Ihre Frau hat das alles mitgemacht?“ Wenn meine Frau beim Wein erzählt, wo wir überall gelebt und was wir alles erlebt haben, hat sie noch nie jemand gefragt: „Und Ihr Mann hat das alles mitgemacht?“ Das gibt mir zu denken!

Darf ich mich vorstellen? Ich bin Maschinenbauingenieur. Zunächst schaffte ich (so sagt man hier) bei einer schwäbischen Maschinenfabrik mit Schweizer Mutter – Mutter der Firma! –, 1969 trieb es meine Frau und mich nach Paris. Wer von uns zweien die Idee dazu hatte, ist seit über vierzig Jahren umstritten.

In Paris habe ich Anlagen für die Papierindustrie berechnet, meine Frau hat Reisen verkauft. Nach fünf Jahren wagten wir den Sprung ins kalte Wasser, samt einjähriger Tochter zogen wir nach Basra. Mit Metaphern sollte man vorsichtig sein, ich korrigiere: Wir sprangen ins warme Wasser!

Nahe Basra baute die Schweizer Firma eine Papierfabrik, ich leitete die Montage der Maschinen und Anlagen. Weil’s so gut lief, bauten wir danach eine zweite Fabrik in den mesopotamischen Sümpfen. Der Irak boomte, kaufte Maschinen, die Firma brauchte einen Vertreter in der Hauptstadt Bagdad. So wurde ich Vertreter eines Schweizer Konzerns. Das sind die Leute, die sich allabendlich auf den Cocktailpartys die Beine vertreten.

1980 brach Saddam einen Krieg vom Zaun. Da die Firma keine Kanonen und Granaten im Angebot hatte, brauchte man keinen Vertreter mehr. Nach unserem Auszug aus dem Irak half ich einer österreichischen Firma in Abu Dhabi ein Kraftwerk zu bauen. Als Site Manager. Unter Manager macht es östlich von Suez keiner. Nach geplanten achtzehn Monaten, echten viereinhalb und wegen der Hitze gefühlten zehn Jahren legten wir wegen des töchterlichen Gymnasiums einen Heimaturlaub ein.

Am Tag nach dem Abitur zogen wir tochterlos in den Iran ans Kaspische Meer – für eine deutsch-kanadische Firma –, auch die islamische Revolution brauchte Papier und Kartonagen. Nach zwei Jahren dann: Indonesien, Sumatra, Dschungel. Raten Sie mal, was wir in der Nähe von Palembang gebaut haben? Danach wieder Iran, davor und dazwischen auch mal hie und mal da.

So ist es eben gekommen, schön war’s! Lesen Sie „Paris-Basra“!

Sie fragen, was uns angetrieben hat?
• Abenteuerlust
• Geldgier
• Hang zur Unstetigkeit (vulgo „Hummeln im Hintern“)
• Idiosynkrasie (Abneigung gegen Chefitäten)
• Neugier (bei uns sagt man Wunderfitz)

Häufig fragt man uns nach der Schule für unsere Tochter. In den Siebzigern und den Achtzigern konnten wir Ingenieure uns die Arbeit noch aussuchen, und in Bagdad gab es eine Deutsche Schule. Kaum war die Tochter in Bagdad eingeschult, brach der Krieg aus. Später – in Abu Dhabi – war die Deutsche Schule eine wahre Freude: Vier bis sechs Kinder pro Klasse! Was für ein Unterricht! Was für Lehrer! Mit solchen Bemerkungen mache ich mir immer Freunde!

Wen es reizt, in die Welt hinauszuziehen, der sollte mir in Gedanken folgen:

Einmal im Jahr besucht der Zugvogel seine Firma, geht in sein altes Büro. In seinem Sessel sitzt nun ein nassforscher junger Mann, der aber gottlob alles weiß.
Beim Weggehen hört der Globetrotter noch: „Wer war denn der Zausel?“
Er merkt: Man braucht ihn nicht mehr, es geht ohne ihn. Das freut ihn, das ist schön!

Er schaut sich um zu Hause, stellt fest: Während er beim Sandschaufeln war, wurde das Fax erfunden, der Computer, das Handy und der Laubbläser. Schnell kehrt er zurück in die Wüste, den Dschungel. Aber eines Tages kommen Fax, Computer, Handy und Laubbläser auch in die Wüste, in den Dschungel. Dann ist es Zeit, in Rente zu gehen, Bücher zu schreiben und der nachfolgenden Generation ungebeten seine Erfahrungen weiter zu geben.

Zum Beispiel folgende:
• Überall auf der Welt leben Menschen.
• Alle Menschen sind gleich.
• Fast.
• Überall menschelet es. (Das ist Schwäbisch.)
• Der Anteil an Schafseckeln* in der Bevölkerung ist weltweit konstant.

Wir wünschen viel Glück!

*Setzen Sie ein, was immer Sie wollen.

Paris Basra

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