Schabernack und Ernst

Gepostet am Mai 28, 2010

Der STORIES & FRIENDS Autor und Vorsitzende der 42er Autoren e.V, Michael Höfler, erzählt wie er zum Schreiben gekommen ist und welche Bedeutung das Schreiben für ihn hat.

Von Michael Höfler Jahrelang war mein Schreiben einzig vom Schabernack getrieben. Mein erstes Gedicht, ich war gerade acht, und es wurde in der Schülerzeitung der Volksschule abgedruckt, hieß „Der Osterhase Meier“. Es gründete im Wesentlichen darauf, dass sich der Name des Hasen auf „Eier“ reimte. Bei den Reaktionen auf mein Debut entsinne ich mich nur mehr der Missbilligungen von Mitschülern, die mir ohnehin schon unfreundlich gesonnen waren. In meiner Gegenwart rezitierten sie verächtlich Zeilen wie:

„Der Osterhase Meier malt an bunt die Eier“.

So jung wie ich war, so unernst, unpersönlich die Reime auch waren, ich hatte das Gefühl, damit etwas preisgegeben zu haben, was mich angreifbar machte. Es folgte nur mehr ein zweites Gedicht und darauf eine Schaffenspause bis zur dreizehnten Klasse, an deren Ende es galt, mit der Schulzeit sarkastisch und im typischen Gymnasiastenstil abzuschließen. Schabernack in Form unverkennbarer Ironie schützte mich vor ablehnenden Reaktionen, es war schließlich nicht ernst gemeint.

Der Schabernack trieb auch meine Feder, als ich mit Anfang Zwanzig das dritte Gedicht schrieb. Anlass war der runde Geburtstag meiner Großmutter. Die Vorlage, die es zu persiflieren galt, waren die allseits bekannten holprigen Gedichte, die zu solchen Anlässen auch in meiner Familie zum Vortrag gebracht wurden. Ich dichtete eine Ode an meine Großmutter, die so begann:

Dichten um des Dichtens willen
Damit will ich nun beginnen
Aufzuschreiben, was ich weiß:
Kochen macht das Wasser heiß.

Ich war zufrieden mit dem Werk und stellte mein Schaffen wieder für einige Jahre ein, wahrscheinlich weil ich befürchtete, das Niveau nicht halten zu können. Als Ende der ’90er Jahre Anrufbeantworter in Mode gerieten, widmete ich diesem technischen Fortschritt ein klassisch angehauchtes Gedicht, das so anfing:

Es wackelt der Hörer
Es läutet sodann
Und klingelt und klingelt die Glocke solang.

Ein paar weitere Jahre später entdeckte ich die Möglichkeiten, die das Internet für Trollaktivitäten bot, lange bevor das Wort in mein Bewusstsein kam. Mitmachaktionen wollten durch den Kakao gezogen, Wörter ins Gegenteil, Formen gegen die Sache verdreht werden, um die es ging. Ich meldete mich in einem Schreibforum an und dichtete nun regelmäßig. Es wollten immer neue Werke eingestellt und Reaktionen eingeholt werden. Mein Schaffen wurde zum ersten Mal zum Selbstzweck und fiel damit einer gewissen Beliebigkeit anheim. Ich wrang mir Reime aus dem Hirn, die nicht richtig hinhauten, weil das Wollen gegenüber dem Können die Oberhand gewann. Mein dichterisches Selbstbewusstsein schrumpfte sich durch die durchschnittlichen Bewertungen gesund.

Doch um 2003, ich war inzwischen 31, hatte ich eine Sammlung skurriler Gedichte beisammen, die mir gefielen. Es musste einen Gedichtband geben, auf dem mein Name stand. Frei jeder Ahnung über Literatur und den Literaturbetrieb sandte ich mein Werk an unzählige Verlage. Eine Unternehmensgruppe umschmeichelte es mit akademischen, nach Literaturkenntnis klingenden Worten. Einziger Nachtteil: Ich müsste gut 4000 Euro in mein Buch investieren. Doch es gab einen Ausweg: ein Sponsor könne für den Betrag aufkommen. Jedes Unternehmen, was in München Rang und Namen hat, erhielt in der Folge ein Schreiben von mir, von dem ich heute inständig hoffe, dass es schnell geschreddert und nicht in der Kuriositätenmappe konserviert wurde.

2004 fand ich dann einen Nanoverlag, wie ich heute sagen würde, der mein Werk kostenlos druckte. Auf einer Lesung lernte ich erstmals andere Autoren persönlich kennen. Durch sie trat ich ein Jahr danach dem Verein der 42erAutoren bei, dem ich später einen Großteil meines Handwerks und Literaturwissens zu verdanken haben sollte. Zuvor hatte mich ein selbst verdrehtes Bonmot des Literaturentertainers Reich-Ranicki geleitet, der die, seiner Meinung nach, Literaturunkenntnis von Autoren mit dem ornithologischen Wissen von Vögeln verglichen hatte. Bei mir klang das so: „Ich bin Vogel, kein Ornithologe. Dafür kann ich fliegen.“

Im Flug entstand ein zweites Sturm-und-Drang-Lyrikbändchen, es folgten ein paar Lesungen und, wenn es hoch kommt, eine niedrige dreistellige Zahl verkaufter Büchlein. Doch ich merkte, dass meine Gedichte zunehmend den gleichen Mustern folgten. Ich wiederholte mich, und das widersprach dem Kreativitätsanspruch von Kunst. Um es mit meinem Lieblingssänger Robert Plant zu sagen:

This is not a job, this is an absolute luxury, a gift from the gods. We should embrace it and don’t use it as a means to an end.

Durch den Autorenverein hatte ich gelernt, dass es beim Schreiben ernsthafte Dinge gab, die keiner Persiflage bedurften. Meine komische Lyrik hatte sich erstmal erschöpft, außerdem waren Gedichte praktisch unverkäuflich. Ich musste mich an Prosa versuchen. Und, denn die Welt war ungerecht und verhurt, auch an ernsten Themen.

Ich gab mir ein Jahr Zeit, um Kurzgeschichten zu schreiben und sie bei Wettbewerben einzureichen. Sollte ich in damit irgendetwas, und sei es das allergeringste, erreichen, besäße ich wohl ein wenig Talent dafür und sollte mit der Prosa weitermachen. Es kam genau so: mein minimaler Erfolg war das Erreichen der besten zwanzig bei einer Ausschreibung.

Kurzgeschichten waren nett, aber die literarische Königsdisziplin waren Romane. Bei einem Schreibwochenende des Vereins erzählte ich einem Kollegen an der Hotelrezeption von meiner Absicht, einen Roman zu schreiben, dem aber noch das Thema fehle. An der Rezeption lag eine Reklameschrift für Kaffeefahrten. Der Kollege meinte: „Schreib doch über Kaffeefahrten!“ Schnell kam mir eine brauchbare Grundidee, und ich schrieb über Kaffeefahrten.

Auf dem Weg zu der ersten Kaffeefahrt, für die ich zu Recherchezwecken angemeldet hatte, brach ich mir das Bein. Der Sanitäter, der mich in die Klinik fuhr, beschwichtigte noch: der dicke Knochen oberhalb des Knies könne nicht gebrochen sein, so stark wie der sei. Nach Operation und einer Woche Krankenhaus folgten fünf Wochen in einer Reha-Einrichtung, von der aus Kaffeefahrten angeboten wurden. Ich nahm mit Krücken und Laptop im Rucksack an so vielen teil, wie es gab. Ich verließ die Reha mit 150 Seiten Text.

Der 230seitige Roman war bald fertig und ich so stolz darauf, dass ich keinerlei Zweifel an der Qualität meines Machwerks hegte. Dass ich mich zu sehr auf die kuriose Grundidee verlassen hatte, die Charaktere zu dünn, die Sprache zu schlecht war, sollte ich erst zwei Jahre später realisieren. Ich sammelte Ablehnungen von Agenturen, die natürlich allesamt mein Werk verkannt hatten. Wahrscheinlich musste ich ein noch besseres Werk schreiben. Ich begab mich auf eine Zugreise nach Osteuropa, um deren Orte und Begebenheiten ich einen Plot baute. Auch der Anfang dieses Werks fiel bei meinen Autorenkollegen durch (wie der des Ersten), ich dampfte ihn ein, beschleunigte ihn um 300%. Dieser Roman war ebenfalls kurios angelegt, aber das skurrile Setting mündete in eine ernsthafte Liebesgeschichte. Das Manuskript rief immerhin gemischte Reaktionen bei Agenturen hervor; es verbrachte viele Monate bei ein bis zweien, die es dann doch nicht nahmen. Ich bot es selbst Verlagen an und bekam immerhin von zwei bis drei renommierten die Rückmeldung, dass sie es drucken würden, würde es nur ins Programm passen, würde es nicht mehrere Genres mischen bzw. würden sie Taschenbücher herausbringen.

Ich schrieb ein drittes und ein viertes, genau eines pro Jahr. In den halbjährigen Pausen dazwischen probierte ich in Kurzgeschichten neue Formen aus, veröffentlichte ein paar; es gelang mir sogar wieder das eine oder andere Gedicht. Auch der Schabernack kam nicht zu kurz, ich begann regelmäßig satirische Kurztexte für zwei Rubriken der Zeitschrift Titanic zu schreiben. Gleichwohl erkannte ich, dass deren Witzigkeit auf eine tiefernste Grundhaltung gegenüber all dem Irrsinn, der einen so umgibt, gebaut ist. Verarschung und damit Demaskierung des Unerträglichen ist seit der Gründung durch Robert Gernhard und andere der Ansatz, der die Zeitschrift trägt.

Bei all dem ernsthaften Autorenhandwerk, das ich zu lernen hatte, merkte ich, dass es zuweilen meine Kreativität hemmte, dass eine gute Form, wenn nicht eine gute Geschichte aus dem Bauch und nicht aus dem Kopf kommt.

So übe ich mich weiter an meinen sprachlichen und erzählerischen Fähigkeiten. Eine Ablehnung von einer Agentur oder einem Verlag rufen zwei Reaktionen hervor, die miteinander ringen: Die haben dein Werk verkannt ― du musst noch besser werden.
Doch irgendwann, hoffe ich, werden sich die Verlage nicht mehr umhin können, einen Roman von mir zu drucken. Schreiben ist die Leidenschaft, der ich verschrieben bin. Sie ist auf Schabernack wie auf Ernsthaftigkeit gegründet. Die Ernsthaftigkeit speist sich aus dem Zorn auf die Verhältnisse, der das Thema bestimmt und dem Text die nötige Wucht verleiht. Der Schabernack bringt die Kritik in verdauliche Form. Zusammen machen sie einen Text vielschichtig.

Zum Autoren-Interview mit Michael Höfler.

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