Schreib was … Unter dem Apfelbaum

Gepostet am Jun 8, 2015

41Gerne säße ich mit Gudrun Büchler unter einem Apfelbaum. Zum Erzählen, zum Sinnieren und auch zum Schweigen, vielleicht sogar besonders dazu. Bei unserer ersten persönlichen Begegnung vor einigen Jahren in Wien haben wir in wenigen Stunden so viel geredet, das kann ein Leben unmöglich hergeben. Aber Schweigen können wir auch sehr gut gemeinsam und sagen uns dabei doch so viel. Irgendwann vor Jahren sind wir Freunde geworden über Kilometer hinweg. Ein Ereignis hat uns zusammengeführt, aus einer Mail folgte noch eine, wie das ebenso geht. Was uns verbindet, ist das Geschriebene. Gudruns Debütroman Unter dem Apfelbaum erschien 2014 im Wiener Septime Verlag beim sehr netten und engagierten Verlegerkollegen Jürgen Schütz.

“Ich schreib was dazu”, habe ich gesagt. “Wenn du mir auch was schreibst!?”
Das hat sie jetzt getan: etwas geschrieben. Für mich.
Und dann bin ich dran. Selbstredend.

Gudrun Büchler: Schreib was, sagte sie, danke, schließlich ist mir Schreiben der liebste Zeitvertreib. Allerdings würde ich die Zeit gerne anhalten, sobald ich schreibe oder sie zumindest dehnen, nur die Zeilen wachsen sehen und die Seitenanzahl.

Die Zeit vertreibe ich mehr, als mir lieb ist, mit Alltagsthemen etwa, und während ich dies in die Tastatur tippe, merke ich, wie ich dem Alltag damit unrecht tue. Schließlich kreiere ich abseits des Schreibens viele Momente, in denen ich meinen Händen zusehe, wie sie Blumen gießen, kochen, Auto fahren, Zeitungen umblättern und all diese Tätigkeiten verrichten, die meine Wahrnehmung schärfen, den Unterschied erfassen, zwischen meiner Art, die Zeitung umzublättern, und der Art eines Kindes, eines jungen Mannes, eines alten, eines, der entspannt Kaffee trinkt, und eines Mannes, der immer wieder aufsieht, um zu prüfen, ob die U-Bahn schon in jener Haltestelle einfährt, an der er aussteigen muss.
Also, Alltag wertgeschätzt, retour zum Schreiben, das sich soeben darüber freut, dennoch über den Alltag gestellt worden zu sein, stand es dort doch lange nicht. Stand lange in der Ecke neben dem Baseballschläger und dem Boxsack, der gedachten Gummizelle und all den probaten Mitteln zum Abreagieren in der Jugend, damals.

Angekommen im erwachsenen Körper beschränkten sich meine fiktiven Texte auf Werbebotschaften. Wieviel Fiktion in Presseaussendungen steht und in Mitarbeiterbeurteilungen ist ein Thema, das ich gerne in den selben Topf schmeiße, in dem schon der Realitätsbezug von Medienberichten und Politikeraussagen fragend seine Kreise zieht, und zugleich ist dieser Topf Teil meines Schreibantriebs: Wenn Fiktion eingesetzt wird, um Meinungen, Tendenzen, Entwicklungen zu beeinflussen, dann kann ich dieses Mittel doch auch nützen. Allerdings nenne ich das Kind beim Namen, nenne es Kurzgeschichte oder Roman. Nicht, dass ich glaube, meine Kurzgeschichte oder mein Roman hätte viel Einfluss, ich bin mir dessen sehr bewusst, wo ich stehe und wer ich bin. Aber ich kann nicht Teil dieses großen Ganzen sein und mich damit zufrieden geben, meinen Händen beim Kochen zuzusehen. Währenddessen denke ich nämlich über Meinungen, Tendenzen, Entwicklungen nach und über Menschen, die diese kommunizieren, diskutieren, danach leben oder auch nicht und wenn nicht, warum nicht, und all das, das bewegt mich und …

UnterdemApfelbaum… mild gestimmt vom meditativen Kochen titelte ich eine der genauer betrachteten Idyllen Unter dem Apfelbaum.
Das Buchcover entspricht allerdings schon dem gegenteiligen Text, der nämlich von der Dynamik erzählt, die ungelöster Schock in Familien über Generationen hinweg bewirken kann. Zum Beispiel.

Wenn mich ein Thema interessiert, dann gebe ich dem eben auch Raum und meine Stimme und borge ihm meine Finger auf der Tastatur und dann entsteht etwas, das ich Fiktion nenne. Alleine schon deshalb, weil ich keine Lust habe, über Meinungen der Wissenschaft zu Epigenetik zu diskutieren etwa. Weder habe ich sie studiert, noch will ich mich in meinem Erleben durch den Rahmen, den die Wissenschaft steckt, einschränken lassen. Lieber nehme ich, a propos Kochen, den Spaß am Formulieren, am Entwickeln von Figuren und Plots; die Faszination daran, wie aus einzelnen Buchstaben, in stimmige Reihenfolge gesetzt, vieldimensionale Welten entstehen können, die im besten Fall zum Universum zwischen zwei Buchdeckeln werden, das über diese Buchdeckel hinaus wirkt, denn das Universum ist schließlich unendlich. Das Gegenteil konnte mir noch keiner beweisen. Und ich nehme Themen, die mich beschäftigen, die ich mir selbst erkläre, während ich sie mir mittels Buchstaben greifbarer mache und schaue, was sich zwischen den Zeilen daraus ergibt. Dort muss die Wahrheit eines Textes in der Fiktion nämlich liegen für meinen Geschmack, zwischen den Zeilen, sonst ist es nicht nur langweilige, sondern – für mich als Leser – auch keine nachhaltige Literatur. Was ich subkutan erfasse, sobald vom Autor gut zwischen die Zeilen gewoben, nehme ich mit, wenn ich das Buch längst fertig gelesen habe. Die einzelnen Textzeilen kann zumindest mein Gehirn nicht erinnern, aber was sie transportieren und in mir angeworfen haben, das begleitet mich im besten Fall mein Leben lang.

“Nachhaltig!” Passt! “Ein Leben lang”, das passt fast … “vier Leben lang” passt besser. Also. Jetzt. Ich. Jetzt schreib ich was. Etwas zu Unter dem Apfelbaum.

Es geht um vier Frauen: Magda, die Urgroßmutter, die bei der Geburt ihrer Tochter Mathilda stirbt und die fortgeschickt wird, um die Schule zu besuchen. Und die dann ihre Tochter Marlies fortschickt, um sie vor dem Krieg zu schützen. Erstaunt es da, dass Marlies Tochter Milla stumm und taub geboren wird? Und dass Marlies Milla fortschickt? Sprachlosigkeit dehnt sich aus: in Raum und Zeit. Über vier Dimensionen. Über vier Generationen.

Die Geschichte beginnt 1902, der Roman 1973. Milla wächst in einem Heim für behinderte Jugendliche auf. Und es dauert nicht lange, da möchte ich als Leserin nicht mehr nur zuhören, sondern lieber für sie sprechen oder gleich schreien, laut schreien. Aber da ist bereits jemand, der über Milla wacht. Eine Ich-Erzählerin spendet Trost, spricht Mut zu, ist Beobachterin, Mitleidende und Mitwissende, weicht nicht von Millas Seite, so wie sie auch ihrer Urgroßmutter nicht von der Seite gewichen ist, nicht der Großmutter und auch nicht der Mutter. “In diesem Moment wurde ich gezeugt und nistete mich ein, tief drinnen in dem Mädchen” (Seite 34) Diese Ich-Erzählerin – ja, sie muss eine Frau sein – ist die fünfte Dimension, die die Raum und Zeit übersteht, die die Familie beisammen hält, ihre schützenden Arme über sie hält, so gut sie eben kann, so gut Mutter Erde das kann, wie ein Baum, ein Apfelbaum, der über Generationen im Garten steht, Jahr für Jahr und zu allen Jahreszeiten. Einer, der bleibt.

Ich will hier nicht erzählen, was Magda, Mathilda, Marlies und Milla widerfahren ist, nur dass mir ihre Geschichten kaum mehr aus dem Kopf gehen und das in meinem Kopf Bilder davon sind, die sich nicht abschütteln lassen. Dieser Roman ist intelligent, kunstvoll, wunderbar geschrieben, aber nicht leicht verdaulich. Er ist Leiden und Leben. Er ist nachhaltig und vielschichtig. Er wirft den Leser auf sich selbst zurück, lässt ihn zurückblicken, auf die Mutter, die Großmutter, die Urgroßmutter. Auch wenn nicht jedes Familienschicksal so verstörend ist, eins wird deutlich: Ein Leben greift ins nächste. Das ist eben so. Das Leben nicht nur eine Laune des Schicksals? Nicht nur blauen Augen und blonde Haare sind vererbar, auch Traumata! Die Wissenschaft – die Epigeniker – sind sich darin einig.

07.06.2015 | Karen Grol-Langner | STORIES & FRIENDS

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