Warum mancher Krimi fast so kriminell ist wie sein Handlung

Gepostet am Jun 7, 2011

Kai Riedemann ist nicht nur Autor und Journalist, er ist auch Lektor und betreut als solcher eine Leserkrimi-Rubrik der Funk Uhr. In der letzten Woche hat er unter dem Motto “Wie es man es garantiert schafft, nicht gedruckt zu werden!” hier im Magazin über die häufigsten Fehler der Autorinnen und Autoren berichtet. Bei Punkt 6 habe ich den Kopf geschüttelt und mich gefragt, ob ich nun beginnen muss, entscheidende Textausschnitte zu googlen. Braucht es jetzt in Anlehnung an das Guttenplag Wiki auch ein LiteraturPlag Wiki? Ich habe Kai Riedemann gefragt, wie ernst die Lage sei. Hier seine Antwort:

Ideenklau? Na, da übertreibt der überkritische Lektor mal wieder. Vermutlich hatten da einfach nur zwei Autoren unabhängig voneinander dieselbe Idee. Soll ja vorkommen. Kommt auch vor. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle einige Fälle anführen, die sich nicht so leicht erklären lassen. Alle Texte sind selbstverständlich authentisch und wurden in der Redaktion eingereicht.

Meine „Lieblingsgeschichte“ handelt von einem Mörder, der sich plötzlich beobachtet glaubt und vor Schreck selbst schreiend in den Tod stürzt. Ur-Fassung könnte „Die letzte Kreuzfahrt“ von A.M. sein. Dort heißt es am Schluss über den angeblichen Tatzeugen:

„Aber es ist so idyllisch hier draußen“, protestierte der alte Herr. „Und die Möwen sind auch wieder da.“
„Möwen, Herr Küppers? Tausend Meilen vom Land entfernt? Da gibt’s keine Möwen.“
„Aber ich habe sie doch schreien hören.“
„Herr Küppers …!
„Schon in Ordnung“, gab der Alte kleinlaut bei, „bin nicht nur blind, sondern offenbar auch taub.“

Mit bemerkenswertem Einfallsreichtum wird aus diesem Krimi später „Kreuzfahrt in den Tod“ von S.B. Textzitat:

„Ich habe den Möwen zugehört“, lächelte die alte Dame.
„Aber Frau Mark, wir sind viele Seemeilen vom Land entfernt. Hier gibt es keine Möwen“, wurde sie belehrt.
„Aber ich habe sie doch schreien hören!“, erwiderte Frau Mark hartnäckig.
„Frau Mark“, seufzte die Krankenschwester.
„Na gut“, schmollte sie, „dann bin ich nicht nur blind, sondern auch noch taub.“

Eine gewisse kreative Eigenleistung kann man jenen Autoren nicht absprechen, die den Tatort vom Meer ins Gebirge verlegen und dabei auch die Auswirkungen auf Flora und Fauna berücksichtigen. Wie bei „Der letzte Urlaub“ von E.D.:

„Es ist so romantisch hier. … Und die Adler sind auch wieder da!“
„Adler? In der Schlucht gibt es keine.“
„Ich habe sie doch schreien gehört.“
„Aber Opa …“
„Ich bin zwar blind und schwerhörig. Aber noch lange nicht ganz taub.“

Möglicherweise existieren noch weitere Versionen dieser Geschichte. Oder kennen Sie vielleicht sogar die Ur-Ur-Ur-Fassung?

Eine andere Metamorphose besticht durch saisonale Anpassung. Der Originaltext schildert einen Banküberfall, bei dem sich einer der Beteiligten raffiniert als Weihnachtsmann tarnt – mit weißem Rauschebart, rotem Mantel und Jutesack. Wenige Monate später flatterte der gleiche Krimi, verfasst jedoch von einem anderen Autoren, auf meinen Schreibtisch. Und weil Ostern vor der Tür stand, tarnte sich einer der Beteiligten als Osterhase – mit Plüschohren, Puschelschwänzchen und Eierkorb auf dem Rücken. Das sieht nicht nur ziemlich bescheuert aus, sondern ist auch noch äußerst unpraktisch. Aber viel Glaubwürdigkeit darf man bei so einer Arbeitsweise wohl auch nicht erwarten.

S&F Magazin | Kai Riedemann | 07.06.2011

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