Was ein Autor von einem Mediator lernen kann – Teil 1

Gepostet am Jul 22, 2011

Maike Braun wurde 1962 in Reutlingen geboren. Nach einem Studium der Naturwissenschaften in Cambridge, England, arbeitete sie acht Jahre in einer internationalen Unternehmensberatung. Sie lebt heute in Hamburg, ist verheiratet und hat drei Kindern. Inzwischen ist sie ausgebildete Mediatorin, seit Januar 2002 selbständige Unternehmensberaterin und Autorin. Was das Schreiben fiktiver Geschichten mit der Arbeit einer Mediatorin gemein hat, hat sie uns erklärt.

Teil 1

Jonathan Franzen sagt in seiner Essaysammlung Anleitung zum Alleinsein sinngemäß, gute Literatur zeichne sich dadurch aus, dass der Autor jeder Figur etwas abgewinnen und mit ihr fühlen könne.

Die Fähigkeit, sich in andere hineinversetzen – mit ihnen fühlen zu können -, ist auch der Schlüssel zum Erfolg in der Mediation. In diesem Verfahren unterstützt ein Mediator die Konfliktparteien dabei, gemeinsam eine für alle Seiten tragfähige Lösung zu finden. Der Mediator oder die Mediatorin setzt sich gleichermaßen für die Interessen und Belange aller Beteiligten ein und sorgt für ein Gesprächsklima, in dem die Konfliktparteien ihre Sorgen und Wünsche offen aussprechen können. Man spricht auch von der Allparteilichkeit des Mediators.

Wie erreiche ich diese Allparteilichkeit? Wie gelingt es mir, mich für alle Gesprächsteilnehmer bzw. im Falle des Autors für alle (Haupt-)Figuren gleichermaßen einzusetzen?

Das Prinzip ist einfach, die Praxis schon schwieriger: als Mediator interpretiere ich nicht, werte ich nicht, (ver-)urteile ich nicht. Stattdessen konzentriere ich mich auf das, was ich beobachten kann.

Verschränkt eine der Konfliktparteien, nennen wir sie Frau Zwie, die Arme vor der Brust, wenn sich Herr Spalt entschuldigt? Runzelt Herr Spalt die Stirn, wenn Frau Zwie über ihre Angst vor dem Versagen spricht? An diesen Stellen hake ich als Mediator nach. Was bedeutet das Stirnrunzeln von Herrn Spalt? Wusste Frau Zwie, dass Herr Spalt immer dann die Stirn runzelt, wenn er angestrengt nachdenkt? Wusste Herr Spalt, dass Frau Zwie sein Strinrunzeln als Zweifel interpretierte? Kann er verstehen, dass sie sein vermeintliches Zweifeln wütend machte? Kann Frau Zwie nachvollziehen, dass für Herrn Spalt diese Wutausbrüche völlig überraschend kamen?

Für den Autor übersetzt bedeutet diese Vorgehensweise, Figuren vor allem durch ihre Handlungen sprechen zu lassen und es dem Leser zu überlassen, sich ein Urteil über die Figuren zu bilden. Gute Literatur ist subversiv, nicht pädagogisch, formulierte es der amerikanische Psychologe Jerome Bruner. Genaue Beobachtung ist der Weg dorthin. Und das Vermeiden von Klischees.

Robert McClanahan hat dazu in ihrem Buch Word Painting eine passende Übung: Man nehme einen Gegenstand und notiere die ersten fünf Begriffe, die einem dazu einfallen. Nun beschreibt man den Gegenstand, ohne diese Begriffe zu verwenden. Probieren Sie es aus, es ist schwerer als man denkt. Aber das Ergebnis ist es wert.

Und Ihrer Leser werden Ihnen Ihre Allparteilichkeit den Figuren gegenüber danken.

Zum Teil 2: Was bei Schreibblockaden hilft.

S&F Magazin | Maike Braun | 18.07.2011

Bei Fragen oder Kommentaren kann man Maike Braun über mail@mbautorin.de erreichen. [Homepage der Autorin]

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