Wie es man es garantiert schafft, nicht gedruckt zu werden!

Gepostet am Jun 3, 2011

Seit rund 14 Jahren betreut unser Autor Kai Riedemann für die Zeitschrift FUNK UHR eine Rubrik mit Leserkrimis. In dieser Zeit hat er tausende Texte gelesen und mehr als 700 bearbeitet. Dabei herausgekommen sind nicht nur zahlreiche gedruckte Krimis, sondern auch folgende hilfreiche Ratschläge für Hobbyautoren, die er uns freundlicherweise zur Veröffentlichung überlassen hat. Seine Erfahrungen teile ich, treffen also nicht nur auf Krimis zu, die bei besagter Zeitschrift eingereicht wurden. Auch die Juroren des STORIES & FRIENDS Verlages wundern sich bisweilen. Aber lassen wir Kai Riedemann, selbst Autor und Garant für durchdachte, ungewöhnliche und perfekte Storys – davon sind zahlreiche in unseren Büchern vertreten – zu Wort kommen:

Krimis sind ja meistens ziemlich böse. Deshalb erlaube ich mir einfach, auch an diese Sache etwas böse heranzugehen. Nämlich mit den häufigsten Fehlern.

FEHLER 1: Der Autor achtet nicht auf die formalen Vorgaben.
Unsere Krimis haben eine Einheitslänge von 3000 Zeichen inklusive Leerzeichen. Das lässt sich eigentlich ganz gut auszählen. Trotzdem kommen massenweise Manuskripte, die nur eine halbe Seite lang sind oder gleich zehn Seiten.

FEHLER 2: Der Autor achtet nicht auf die Leserzielgruppe.
Es macht einen Unterschied, ob ich einen Krimi beim Playboy einreiche oder bei der Neuen Post oder bei einem Taschenbuch-Projekt. Das heißt: Ich schaue mir das Umfeld genau an. Bei der FUNK UHR sind das weiche Servicethemen, sehr frauenlastig und nicht gerade für die Kiddies. Außerdem richtet sich die Rubrik nicht an Krimi-Experten, sondern an alle. Ganz konkret: Der Text sollte zwar durchaus originell sein, aber den Leser nicht überfordern. Das ist wie bei den Kreuzworträtseln. Sind die Dinger zu schwer und für Experten gemacht, schmeißt der Durchschnittsrater sie frustriert in die Ecke, Sprache, Aufbau, Logik sollten also möglichst klar sein. Und in ein Heft, das mit „Wohlfühl-Programm“ wirbt, passt nichts Brutales, Ekliges, Sexistisches. Und nur im Ausnahmefall der Triumph des Mörders. Im weitesten Sinne: Das Gute siegt.

ANMERKUNG: Müssen sich Autoren mehr als DIENSTLEISTER sehen?

FEHLER 3: Der Autor passt seine Geschichte nicht der Länge an.
3000 Zeichen sind eine saublöde Länge. Beispiel: Da kommt eine Geschichte, die liest sich wie ein Expose oder wie eine Zeitraffer-Version. Ich hake nach: Hallo, der Krimi hat ja überhaupt keine Atmosphäre. Antwort. Ich weiß. Aber der Text war ursprünglich dreimal so lang und ich musste so viel kürzen. Ideal ist es, wenn die Handlung nur an einem Ort und zu einer Zeit spielt. Dann bleibt genug Platz für atmosphärische Details. (Fingerübung: Krimi mit 300 Zeichen)

FEHLER 4. Der Autor hält sich an Standardmotive.
In 95% aller Einsendungen bringt der Mann seine Ehefrau oder die Frau ihren Ehemann um. Ich liebe diese Sätze wie: „Was war nur aus ihr geworden? Er hatte ihr ständiges Gekeife so satt. Doch eine Scheidung kam nicht in Frage, denn ihr gehörte die Firma und das Geld.“ Sehr beliebt auch: Enkel oder Neffe will ans Geld des Onkels oder der Tante. Am besten mit Gift im Kaffee. Es gibt so viele andere Motive und Verbrechen.

FEHLER 5: Der Autor nutzt zu wenig persönliche Erfahrungen und Interessen.
Okay, soll nicht heißen, der Schreiber müsste sich mit Morden auskennen. Aber jeder hat doch ganz individuelle Hobbys, einen Beruf, irgendein Fachwissen. Beispiel: Da kommt ein langweiliger Standardkrimi Marke Ehegattenmord. Und was ist die Autorin?
Archäologiestudentin! Im zweiten Anlauf kam dann ein witziger, origineller Text über eine ägyptische Mumie, die zum Schmuggeln benutzt wird. Es sind diese kleinen Details, die Geschichten unverwechselbar machen. Eine Teesorte, die man kennt, eine bestimmte Straße, ein Lokal mit seiner typischen Einrichtung.

FEHLER 6: Ist eigentlich kein Fehler im eigentlichen Sinn, sondern krimineller als der Inhalt des Krimis selbst.
Es geht um Ideenklau. Normalerweise brauchen wir von jedem Autoren eine schriftliche Bestätigung, dass sein Text keine Rechte Dritter verletzt. In der Praxis bleibt das meist nach. Und ich muss zugeben, dass ich vielleicht lange Zeit zu gutgläubig war. Inzwischen sind es, na sagen wir mal, zehn Fälle, bei denen eindeutig geschummelt wurde. Die Dunkelziffer liegt vermutlich höher, weil wir ja nicht alles kennen, was bisher so erschienen ist. Manchmal werden wir von Lesern darauf aufmerksam gemacht oder im schlimmsten Fall von dem Verfasser der geklauten Vorlage.

S&F Magazin | Kai Riedemann | 03.06.2011

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